Vom Druck zurück zur Handschrift: Wie ein Basler Fastnachtsspiel im Kloster Wettingen landet26/10/2026
In einem Buch von Abt Christoph Silberysen findet sich ein Basler Fastnachtsspiel. Was bewog den katholischen Abt dazu, ein frühreformatorisches Fastnachtsspiel abzuschreiben? Und warum hat er es so prächtig bebildern lassen? von Julie Dietsche Ein Ausschnitt aus der Abschriftt des «Nollhart» von Christoph Silberysen. In diesem Abschnitt befragt der Papst zunächst Bruder Nollhart, der ihn weiter zur heiligen Brigitta von Schweden schickt. Bei jedem Sprecherwechsel werden die beiden Figuren, die miteinander sprechen, gezeichnet. Bild: e-codices, Aarau, Aargauer Kantonsbibliothek, MsWettF 33: fol. 52v, 53r. Abt Christoph Silberysen (1542–1608, Abt 1563–1594) schuf im Laufe seines Lebens mehrere Handschriften, die sich heute vor allem in der Kantonsbibliothek Aarau befinden. An vielen davon arbeitete er gleichzeitig und über mehrere Jahre hinweg. Neben seiner bekannteren dreibändigen Schweizer Chronik trug er verschiedenste Texte in thematischen Sammelhandschriften zusammen. Eine davon – sie trägt die Signatur AKB MsWettF 33 – besteht aus einer Sammlung historischer und prophetischer Texte sowie aus Aufzeichnungen aussergewöhnlicher Naturereignisse, die Silberysen teilweise von zeitgenössischen Flugblättern abgeschrieben hatte. Alle treffen den Propheten In dieser Handschrift befindet sich auch das Fastnachtsspiel «Der Nollhart», das ursprünglich von Pamphilus Gengenbach (ca. 1480–1525) verfasst und 1517 in Basel an der Herrenfasnacht aufgeführt wurde. Fastnachtsspiele waren eine Art Theaterstück, die auf offenen Plätzen aufgeführt wurden. Meist behandelten sie lustige, derbe Inhalte, wobei im 16. Jahrhundert auch seriösere Themen aufkamen. «Der Nollhart» zählt zu einer Art Reihenspiel, bei dem Reden aneinandergereiht wurden, ohne dass eine dramatische Handlung entsteht. So führt das ernste Stück nacheinander den Papst, den Kaiser, den König von Frankreich, den Bischof von Mainz, den Pfalzgrafen, den Venezianer, den Türken, den Eidgenossen, den Landsknecht und den Juden zu Bruder Nollhart. Alle fragen nach ihrer Zukunft und erhalten eine Prophezeiung, bei der Nollhart von der heiligen Birgitta von Schweden, der cumäischen Sibylle und Bischof Methodius unterstützt wird. Silberysens konfessioneller Kommentar zwischen den Zeilen Warum nun erachtete Silberysen ein Fasnachtspiel, das fünfzig Jahre zuvor aufgeführt worden war, für so wichtig, dass er es eigens in seine Sammelhandschrift aufnahm? Im Zusammenhang mit den übrigen Texten der Sammlung wird deutlich, dass sich Silberysen für prophetische Stoffe interessierte: So befindet sich in der Handschrift auch eine Fassung der mittelalterlichen deutschen Sibyllenweissagung sowie Aufzeichnungen wunderlicher Ereignisse, wie sie auch in Wunderzeichenbüchern begegnen. Ihnen allen ist eine Ausrichtung auf die Endzeit gemeinsam – sie tragen apokalyptischen Charakter. Gengenbachs Spiel bleibt jedoch stark in seiner Entstehungszeit verankert, etwa im Gespräch mit dem Eidgenossen (bei Silberysen «Schwitzer» genannt), dem der Nollhart sechs Eigenschaften nennt, die jedes Land zerstören: Hoffart, Ungehorsamkeit, Neid, Leichtfertigkeit, Verzweiflung und Geiz. An Aktualität gewinnt die Abschrift durch das in der Vorlage nicht enthaltene Gespräch dreier Bauern, das Silberysen nach dem Dialog mit dem «Schwitzer» einbaut. Die Bauern beklagen, dass sich ihre Lage nach der Reformation entgegen ihrer Hoffnung verschlechtert habe – der neue Vogt kümmere sich nicht um ihre Bedürfnisse, die Abgaben seien höher als zuvor. Ob Silberysen hier das junge Zeitalter der Konfession kommentierte? Abrupter Abbruch Danach wird das Fastnachtsspiel zwar fortgesetzt, bricht aber beim Vers über die Ankunft von Henoch und Elias ab – obwohl in Gengenbachs Vorlage noch siebzehn Verse sowie die Entschuldigung des Dichters folgen würden. Ob dieser Abbruch endgültig war oder Silberysen den Text noch vervollständigen wollte, bleibt offen. Denn bei genauerem Hinschauen ist an dieser Stelle zu erkennen, dass der letzte Vers auffällig abgesetzt ist. Das Bildprogramm der Handschrift Auch in der visuellen Gestaltung der Abschrift weicht Silberysen von seiner Vorlage ab. Gengenbachs Druck enthält 18 Holzschnitte, die die Dialoge illustrieren, wobei jeder Stand mindestens einmal dargestellt wird. In Silberysens Fassung ist dagegen bei jedem Sprecherwechsel eine kolorierte Federzeichnung zu sehen: links die sprechende, rechts die angesprochene Figur. Dabei begnügt sich der Illustrator nicht damit, jede Figur stets gleich darzustellen – vielmehr lassen sich bei jeder Abbildung Unterschiede entdecken, mal klein, mal augenfällig. So zeigen sich unterschiedliche Kleidungsstile der einzelnen Stände: Der König etwa erscheint einmal in höfischer Kleidung, in der folgenden Interaktion dagegen in Rüstung vor Bruder Nollhart. Diese Bildvielfalt lädt zum Blättern und genauen Betrachten der Figuren ein und macht zugleich deutlich, dass in diesem Stück nicht die einzelne Person angesprochen wird, sondern der jeweilige Stand als Ganzes.
Am Übergang zwischen zwei Zeitaltern Silberysen erstellte seine Sammelhandschrift in einer Zeit, in der einerseits die Drucktechnologie schon weit verbreitet war, andererseits jedoch weiterhin Handschriften angefertigt wurden. Seine «Nollhart»-Abschrift steht für die Verflechtung von Handschrift und Druck zu dieser Zeit, womit er dem Fastnachtsspiel eine zweite, eigene Gestalt verleiht. Im Kloster Wettingen gab es nämlich zu diesem Zeitpunkt noch keine Druckerei – diese sollte erst rund ein Jahrhundert später eingebaut werden. Durch den Bauerneinschub individualisierte Silberysen das Stück und liess es so zu einem Kommentar zur eigenen Gegenwart werden; zu einem neuen Werk, das zum wiederholten Betrachten einlädt. Warum die Abschrift ausgerechnet an dieser Stelle abbricht, bleibt letztlich offen – und macht die Handschrift nicht weniger, sondern noch etwas spannender. Weiterlesen
Julie Dietsche ist seit dem Beginn ihres Studiums der Germanistik und Mediävistik an der Universität Fribourg von der vormodernen Handschriftenkultur fasziniert. In ihrer Masterarbeit befasst sie sich mit Christoph Silberysens Abschrift des «Nollhart» in der Wettinger Handschrift MsWettF 33.
1856 – vor genau 170 Jahren – fanden Zisterzienserinnen aus den aufgehobenen Thurgauer Klöstern Kalchrain und Feldbach in Vorarlberg eine neue Heimat. Möglich wurde dieser Neuanfang dank Verbindung zum Kloster Wettingen. Sie wirkt bis heute fort. von Annina Sandmeier-Walt Die Geschichte des Klosters Mariastern-Gwiggen bei Hohenweiler in Vorarlberg beginnt nicht in Österreich, sondern im Kanton Thurgau. Dort entstanden im 13. Jahrhundert die drei Zisterzienserinnenabteien Kalchrain, Feldbach und Tänikon. Über Jahrhunderte waren sie Teil der zisterziensischen Klosterlandschaft und eng verbunden mit dem Kloster Wettingen. Verbunden mit Wettingen Das Kloster Wettingen hatte seit dem Mittelalter eine wichtige Aufgabe in der seelsorgerischen Betreuung, der Aufsicht und Visitation von Zisterzienserinnenklöstern. Die Wettinger Gemeinschaft stellte ab dem 17. Jahrhundert in insgesamt sieben Frauenklöstern in den heutigen Kantonen Aargau, Thurgau, St. Gallen und Zug die Seelsorger, so auch in Kalchrain, Feldbach und Tänikon. Diese sogenannten Spiritualen lebten vor Ort mit den Schwestern. Der Wettinger Abt übte zudem als «Pater immediatus» ordensrechtliche und aufsichtsbezogene Funktionen gegenüber den Frauenklöstern aus. Diese Verbindung zu Wettingen überdauerte sogar die politischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts, als alle Zisterzienserklöster in der Schweiz aufgehoben wurden, 1841 Wettingen, 1848 St. Urban und Hauterive. Mit der Bundesverfassung von 1848 entfiel die zuvor geltende Klostergarantie in der Schweiz, die noch 1841 zu grossen Kontroversen geführt hatte. Damals hatte der Kanton Aargau alle Klöster auf Kantonsgebiet aufgehoben. Zeichen der Verbindung von Wettingen-Mehrerau und Mariastern-Gwiggen: Besinnungstag im Kloster Mariastern-Gwiggen, 1981. In der Mitte mit Brustkreuz Abt Kassian Lauterer von Wettingen-Mehrerau und Äbtissin Agnes Fabianek von Gwiggen. Foto: Oskar Spang, Stadtarchiv Bregenz Permalink: pid.volare.vorarlberg.at/o:359556 Neue Lösung nach der Aufhebung So hob 1848 auch der Grosse Rat des Kantons Thurgau die drei Zisterzienserinnenklöster auf seinem Gebiet auf. Die Schwestern erhielten Pensionen und mussten ihre Klöster verlassen. Nach verschiedenen vorübergehenden Aufenthaltsorten suchten die Gemeinschaften nach einer nachhaltigen Möglichkeit, ihr klösterliches Leben fortzusetzen. Sie besichtigten leerstehende Klöster im Süddeutschen Raum und bemühten ihr Netzwerk, lange ohne Erfolg. Die Zisterzienser aus Wettingen fanden 1854 in der ehemaligen Benediktinerabtei Mehrerau bei Bregenz eine neue Heimat. Nach der eigenen geglückten Übersiedlung war es ein Vorschlag von Wettingen-Mehrerau, dass sich die Konvente von Kalchrain und Feldbach zusammenschliessen und in Vorarlberg einen Neuanfang wagen sollten. So erwarb Wettingen-Mehrerau 1856 das Schlösschen Gwiggen bei Hohenweiler und übergab es den Schwestern. Vor 170 Jahren Neubeginn in Gwiggen Am 30. Oktober 1856, also vor 170 Jahren, setzte Priorin Ida Schädler und vier ihrer Kalchrainer Mitschwestern mit dem Schiff über den Bodensee. Das Hab und Gut der Nonnen transportierte ein Schlepper, am Dampfer angehängt. Nach einem Halt in Mehrerau ging es mit Fuhrwerken weiter nach Gwiggen. So begann das bescheidene klösterliche Leben im Kloster Mariastern-Gwiggen. «Ausser uns weiss nur der liebe Gott, was wir hier im ersten Jahr unter Kälte und Hunger gelitten haben», soll Ida Schäli berichtet haben. Erst 1861 folgte die kirchliche Bestätigung des Klosters. Erste Kandidatinnen traten bereits 1857 ein, die aber offiziell erst mit der Bestätigung von 1861 mit ewigen Gelübden aufgenommen werden konnten.1869 schlossen sich auch die Schwestern von Tänikon an. 1876 stiess auch Agnes Stöckli aus dem aufgehobenen Aargauer Kloster Gnadenthal dazu. Sie war eine erfahrene Paramentenstickerin und führte diese Arbeiten als wichtigen Erwerbszweig im Kloster Gwiggen ein. Noch heute werden im Kloster liturgische Gewänder bestickt. Impressionen aus dem Klosterleben im Kloster Mariastern-Gwiggen: Arbeit im Garten (links), Schwestern beim Chorgebet. Novizinnen sind erkennbar am weissen Schleier. Foto zum Garten: Rudolf Zündel (Vorarlberger Nachrichten), Vorarlberger Landesbibliothek. Permalink: pid.volare.vorarlberg.at/o:200070. Foto zum Chorgebet: Oskar Spang, Stadtarchiv Bregenz. Permalink: pid.volare.vorarlberg.at/o:359983 Allen Widrigkeiten zum Trotz Die Gemeinschaft gewann stetig an Mitgliedern und aus dem ehemaligen Schloss entwickelte sich allmählich eine grosse Klosteranlage. 1896 wurde die neuromanische Klosterkirche fertiggestellt. 1987 erhielt der Kreuzgang mit dem Bau des Süd- und Westflügels seine heutige geschlossene Form. Aussergewöhnlich waren in der Geschichte Gwiggens zwei Umstände: Anders als viele Klöster wurde es während des Nationalsozialismus zwischen 1938 und 1945 nicht aufgehoben. Die Nonnen durften zwar keinen Nachwuchs aufnehmen, wurden staatlich überwacht und waren zum Krankendienst verpflichtet. Doch während die Mönche von Wettingen-Mehrerau 1941 enteignet und das Kloster aufgehoben wurde, konnten die Schwestern in Gwiggen bleiben. Und: Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Gwiggen anders als andere Klöster. Während viele Konvente in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ausbleibenden Eintritten kämpfte, erlebte Gwiggen um 1980 nochmals klösterlichen Nachwuchs im zweistelligen Bereich. Heute leben 16 Schwestern im Kloster Gwiggen. Verbunden bis heute
Die Beziehungen zur Schweiz und zu den Mönchen von Wettingen-Mehrerau blieben während der vergangenen 170 Jahre wichtig. Spenden aus der Schweiz halfen der Gemeinschaft in Krisenzeiten und ermöglichten Umbau- und Erhaltungsarbeiten. Auch die seelsorgerische Begleitung durch die Mönche aus Wettingen-Mehrerau blieb bestehen wie auch der ordensrechtliche Status des Abts. Zu seinen Aufgaben gehört die regelmässige Visitation des Klosters. So blieb eine Verbindung bestehen, die politische Umbrüche, Klosteraufhebungen und Ortswechsel überdauerte. Weiterlesen:
In der Barockzeit intensivierte sich in den Klöstern die Frömmigkeit. Auch Bernhard von Clairvaux wurde zu einem beliebten Thema in den Schriften der Wettinger Mönche. Das «Florilegium Sancti Bernardi» ist ein Zeugnis dieser Spiritualität. von Luca Giannini Bernhard, Bernhard und nochmals Bernhard. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde einer der bedeutendsten Zisterzienser zum zentralen Element der ordensinternen Frömmigkeit. Die Bezeichnung «Melifluus Pater Noster Bernardus» – auf Deutsch: «unser honigfliessender Vater Bernhard» – ist Ausdruck und Beispiel davon. Bekannt ist die Barockzeit für ihre Volksfrömmigkeit, die sich etwa in Wallfahrten und Prozessionen äusserte. Aber nicht nur im breiten Volk, sondern auch in den Klöstern intensivierte sich die Frömmigkeit. Zeugnisse davon sind Gebets- und Andachtsbücher. Ein relativ spätes Zeugnis für diese «Bernhard-Spiritualität» ist das «Florilegium Sancti Bernardi»: eine zweibändige, alphabetisch geordnete Sammlung von Auszügen aus Bernhards Schriften. Die Stichworte führen von A wie «Abbas» (Abt) bis Z wie «Zelus» (Eifer). Wer war dieser Bernhard? 1090 in den burgundischen Adel geboren, trat er als junger Mann in Cîteaux ein, das Mutterkloster des Zisterzienserordens. Später wurde er Abt der neuen Niederlassung in Clairvaux, von wo aus er 68 weitere Klostergründungen förderte. Bernhard setzte sich für Reformen im Mönchtum ein, beteiligte sich an theologischen und politischen Streitigkeiten und hatte prägenden Einfluss auf das Abendland – eine rastlose Figur seiner Zeit, des europäischen Hochmittelalters. Kurz vor Weihnachten 1146 zog er durch unsere Region und übernachtete in Birmenstorf, wo er zwei kranke Frauen geheilt haben soll. 1153 starb Bernhard. Wettingen, ein Pilgerort – Getulius, ein Karrieremönch Vermutlich war das «Florilegium» eine Art Lebensratgeber für Wettinger Zisterzienser. Entstanden sein dürfte die Sammlung in Wettingen zwischen 1740 und 1762. Der Schreiber ist Pater Getulius Kaufmann aus Baden (1720–1798). 18-jährig legte er seine Profess im Kloster Wettingen ab und nahm den Ordensnamen Getulius an. Damit knüpfte er an die barocke Tradition der zwei Wettinger Heiligen Marianus und Getulius an. Im 17. Jahrhundert standen Reliquien dieser frühchristlichen Märtyter aus Rom, auch Katakombenheilige genannt, hoch im Kurs. Zahlreiche Orte kamen durch die Vermittlung von Pilgern und Schweizergardisten zu diesen Heiligen. Das Kloster Wettingen erhielt 1652 die Gebeine von Getulius und Marianus. Das führte dazu, dass Wettingen zum Pilgerort wurde. Die Jahrhundertfeier der Translation wurde während zweier Tage unter anderem mit Prozessionen und einem Festspiel gefeiert. Zum Zeitpunkt dieser Feier war der «Florilegium»-Schreiber Pater Getulius bereits fest ins Klosterleben integriert und engagiert. 21-jährig zum Priester geweiht, war er nur wenige Jahre «einfacher Mönch» geblieben und übernahm bald diverse Ämter, sowohl innerhalb des Klosters als auch auf Aussenstationen, etwa im Frauenkloster Frauenthal bei Zug. Rückbesinnung auf die Anfangszeit des Ordens Neben seinen vielfältigen Aufgaben inner- und ausserhalb der Klostermauern fand Getulius aber auch die Zeit für wissenschaftlich-kompilatorische Arbeit im Geiste des barocken Katholizismus. Nicht nur Bernhard, auch Benedikt von Nursia, der Vater des abendländischen Mönchtums, trat damals vermehrt in den Mittelpunkt des Interesses. So entstanden im Kloster Wettingen mehrere Abschriften und Kommentare von dessen Mönchsregel. Ganz zentral für die zeitgenössische Frömmigkeit des Ordens war das Element der Rückbesinnung – Bernhard und Benedikt waren so naheliegende Motive. Gewissermassen hatte die Beschäftigung mit Bernhard eine Parallele zu dessen Wirken selber: es ging damals wie jetzt um Erinnerung im Geiste der Tradition. Neben Pater Getulius hatten sich einige Jahrzehnte zuvor die Wettinger Patres Anton Pöschung (1598–1653) und Joseph Meglinger (1634–1695) bereits mit dem hochmittelalterlichen Vorzeigemönch befasst. Letzterer war es, der das eingangs erwähnte Attribut des «Honigfliessenden» auf Bernhard anwandte und sich damit eines gängigen, schon im Alten Testament bekannten, Motivs bediente. Titel auf dem Buchrücken (links) sowie Ausschnitt (rechts) aus dem Florilegium Sancti Bernardi über Namen, Tätigkeiten, Gnade und Gaben von Engeln. Aargauer Kantonsbibliothek, MsWettF 29:1, Bild: Luca Giannini. Bernhard-Frömmigkeit ohne Bernhard Was erstaunen mag: Im «Florilegium» wird Bernhard nicht erwähnt, sondern seine Schriften kopiert und alphabetisch geordnet. Der Inhalt ist breit gestreut. Von kirchlichen Ämtern wie dem Bischof oder dem Abt über Sakramente, theologische Begriffe, biblische Figuren und Orte, einige wenige Heilige bis hin zu Stationen aus dem Leben Christi werden auf 1665 Seiten zahlreiche Aspekte der katholischen Religion behandelt. Inwiefern das «Florilegium» von Getulius‘ Mitbrüdern und späteren Mönchsgenerationen bis zur Aufhebung 1841 gelesen und rezipiert wurde, ist unklar. Dafür ist es, durch seine Erhaltung und Aufbewahrung in der Aargauischen Kantonsbibliothek, ein eindrucksvoller Zeuge zisterziensischer Barock- und Bernhard-Frömmigkeit geworden. Eine neue Zeit bricht an Womöglich geriet Getulius den letzten Jahren seines Lebens in die Defensive: Aufklärerisch gesinnte Mönche kritisierten ihren Abt, dieser wollte von den neuen Ideen aber nichts wissen. Ob auch Getulius als dessen Sekretär in die Kritik kam, wissen wir nicht. Anhänger der neuen Geistesströmungen wird er aber kaum gewesen sein. Als Wettingen 1792 die Auswirkungen der französischen Revolutionswirren zu spüren bekam, gehörte Pater Getulius nämlich nach wie vor zu den engsten Ratgebern des Abtes. Im April 1798 starb er 78-jährig als Senior der Abtei. Weiterlesen
Luca Giannini ist von der Aargauer Klostergeschichte angezogen: Er hat die Matura in der Kantonsschule im ehemaligen Kloster Wettingen absolviert, sein Geschichtsstudium an der Universität Zürich mit einer Arbeit über die Badener Kapuziner abgeschlossen. Aktuell arbeitet er als wissenschaftlicher Archivar bei docuteam in Dättwil.
Der Gasthof Sternen wirbt für sich als ältestes Gasthaus der Schweiz und soll auf die Mitte des 13. Jahrhunderts zurückgehen. Und es wird gemeinhin auch als «Schwestern- oder Weiberhaus» bezeichnet. Dass hier mehr Legende als Geschichte drinsteckt, soll der nachfolgende Text aufzeigen. von Bruno Meier Gleich am Eingang der Klosterhalbinsel präsentiert sich ein markantes Riegelhaus, der Gasthof Sternen. Massgebend für die Geschichte der Bauten in und um das Kloster Wettingen sind nach wie vor die Untersuchungen von Peter Hoegger, publiziert im Kunstdenkmälerband im Jahr 1998. Er beschreibt den Standort des «Sternen» als eine halb sakrale, halb weltliche Zwischenzone, in der sich neben Konventualen und Bediensteten auch Gäste des Klosters bewegten. Das heutige Haus wurde gemäss den Untersuchungen Hoeggers 1583/84 unter Abt Christoph Silberysen neu erstellt, wohl anstelle eines älteren Gebäudes, vielleicht einem Armenspital, und soll unter anderem als Logis von Laienschwestern, die Wäsche- und Hausarbeiten für das Kloster verrichteten, gedient haben. Deshalb der Name Schwestern- oder Weiberhaus, der in Quellen des 17. Jahrhunderts nachgewiesen ist. Es stand zu dieser Zeit direkt ausserhalb der Klosterpforte. Der Murerplan von 1635 gibt Auskunft Zu welchem Zeitpunkt der heutige «Sternen» zum Gasthaus wurde, ist nicht bekannt. Erstmals so benannt wird es auf dem Plan von Johann Heinrich Murer aus dem Jahr 1635, unter dem Buchstaben B als «Beide Gasthäuser» benannt. Es bestanden auf beiden Seiten des Torhauses offenbar zwei Gasthäuser, vielleicht eines für Männer, das andere für Frauen. Hoegger benennt das westlich gelegene als «jüngeres Gasthaus». Es ist heute abgebrochen. Den Namen Sternen erhielt das noch bestehende Haus erst 1857, 16 Jahre nach der Klosteraufhebung. Der Name wurde von der bestehenden Tavernenwirtschaft im Fahrhaus übernommen. Die beiden Ausschnitte aus dem Murerplan von 1635 zeigen das «Frauenhaus und Fahr» (Buchstabe K, linkes Bild, oben rechts) an der Limmat und «Beide Gasthäuser» (Buchstabe B, rechtes Bild, Bildmitte), im heutigen «Sternen» und, heute nicht mehr existent, beim Torhaus. Angebaut an das untere Gasthaus, den heutigen «Sternen», ist die St. Anna-Kapelle. Bild: Kantonsbibliothek Thurgau Y 115, 32r. Ob vor 1583/84 am Standort des heutigen «Sternen» ein Gasthaus bestand, wissen wir nicht. Ein älteres Gasthaus, das vor dies Zeit zurückgeht, bestand aber im Fahrhaus an der Limmat. Der älteste Hinweis darauf stammt aus dem Jahr 1418. Das Fahrhaus war zeitweise in Privatbesitz, wurde aber 1644 vom Kloster zurückgekauft und 1695 unter Abt Basilius Reuti neu gebaut. Der Murerplan von 1635 bezeichnet mit dem Buchstaben K das «Frauenhaus und Fahr», unmittelbar an der Limmat oberhalb der Fähre gelegen. Das heisst wohl, dass die ursprüngliche Absteige für Frauen im Fahrhaus lag. Rund um das Fahrhaus entstanden dann im 18. Jahrhundert weitere Häuser, das Kanzler-, Doktor- und Zollhaus, die heute noch bestehen. Ausserhalb der Klausur bildeten diese Häuser ein kleines Ökonomiequartier. Zwei Herbergen auf der Klosterhalbinsel Der Vogelschauplan von Johann Franz Strickler aus dem Jahr 1710 löst das Rätsel des ältesten Gasthauses auch nicht. Das Fahrhaus wird darauf als «Hospitium», als Herberge oder Gästehaus, bezeichnet. Der heutige «Sternen» wird hingegen als «Diversorium», ein weiteres Wort für Herberge oder Unterkunft, benannt, wie bei Murer 1635. Das heisst, dass beide Häuser wohl einem ähnlichen Zweck dienten. In einem «Diversorum» gab es in der Regel auch eine Taberna, also Verpflegung. Auf dem Plan von Strickler von 1710 wird das Fahrhaus (Nummer 26, rechtes Bild) als «hospitium», Herberge, bezeichnet, der heutige «Sternen» (Nummer 2, linkes Bild) als «diversorium», ebenfalls Herberge. Das bei Murer erwähnte zweite Gasthaus wird als «Textrina», Weberei, bezeichnet. Bild: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung. Die Bauuntersuchungen am heutigen «Sternen» lassen vermuten, dass die nordöstliche Mauer aus der Bauzeit des Klosters stammt und Teil der wohl um 1230/1250 erstellten Schutzmauer des jungen Klosters war. Der «Sternen» geht also in seinen Fundamenten tatsächlich auf das 13. Jahrhundert zurück. Neben dem heutigen «Sternen» stand einst eine der heiligen Anna gewidmete Torkapelle, die zu Beginn des 19. Jahrhundert abgebrochen wurde. In der Regel waren St. Anna-Kapellen Krankenkapellen und so könnte vermutet werden, dass sich daneben eine Krankenunterkunft befand. Abbildungen und detaillierte Beschriebe des Klosters aus der Zeit vor 1600 fehlen. Ein Gasthaus dürfte zuerst eher im Fahrhaus direkt an der Limmat untergebracht gewesen sein. Mit Blick auf die Quellen lässt sich also der heutige «Sternen» nicht als das älteste Gasthaus bezeichnen.
Weiterlesen: Hoegger, Peter: Die ehemalige Zisterzienserabtei Marisstella in Wettingen. Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau Band VIII, Der Bezirk Baden III. Basel 1998, 136–138, 273–275 und 384–387. Der Überfall auf das Zisterzienserinnenkloster Magdenau am Jakobstag 1528 zwang die Ordensfrauen zur Flucht. Eine von ihnen war Elisabeth Geilinger. Sie liess die Ereignisse schriftlich festhalten, setzte sich für die Rückkehr ein und wurde später selbst Äbtissin. Mit dem Kloster Wettingen war sie eng verbunden. Denn hierher kam ihr Seelsorger. von Nathalie Weiss Obwohl Wettingen und Magdenau geografisch weit auseinanderliegen, sind die beiden Zisterzienserklöster eng miteinander verbunden. Magdenau gehört bis heute zu einem weitreichenden Netzwerk von Frauenklöstern, zu dem – je nach Zeitpunkt in der Geschichte – auch Feldbach, Frauenthal, Gnadental, Kalchrain, Selnau, Tänikon und Wurmsbach zählten. Diese Klöster waren keine isolierten Orte. Sie standen mit ihrem Umfeld in Verbindung. Geleitet wurden sie jeweils von einer Äbtissin. Zugleich waren als Zisterzienserinnenklöster Teil des Ordens und über die Wettinger Patres, die in den Klöstern als residierende Seelsorger walteten, miteinander verbunden. Magdenau im Wettinger Netzwerk Seit dem Spätmittelalter entsandte der Abt von Wettingen regelmässig einen seiner Patres nach Magdenau. Dieser feierte Gottesdienste, nahm die Beichte ab und begleitete die Klosterfrauen in religiösen Fragen. Der Wettinger Abt besass zudem Visitationsrechte und konnte überprüfen, ob das Leben im Kloster den Regeln des Zisterzienserordens entsprach. Während der Reformation zeigten sich jedoch die Grenzen dieser Ordnung. Die geistliche Verbindung zu Wettingen konnte die Frauen von Magdenau nicht vor der Gewalt in ihrer unmittelbaren Umgebung schützen. Damals lebten in Magdenau 24 Chorfrauen und drei Laienschwestern. Für sie war die Reformation keine rein theologische Auseinandersetzung, sondern zeigte sich ganz konkret in Drohungen, Sachbeschädigungen, Vertreibung und körperlicher Gefahr. Ein Angriff am Jakobstag Am Jakobstag des Jahres 1528 spitzte sich die Lage im Kloster erstmals dramatisch zu. Nach einer Kirchweih zog eine Gruppe Männer zum Kloster und versuchte, es zu stürmen. Die Frauen wurden beschimpft, bedrängt und sahen sich gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. Doch damit war die Gewalt nicht beendet. Bereits vierzehn Tage später kehrten die Angreifer zurück. Die Klosterfrauen mussten Teile ihres Besitzes aus dem Kloster schaffen und erneut fliehen. In der Fastenzeit folgte ein weiterer nächtlicher Überfall: Männer warfen Steine gegen das Gebäude, die laut der Quelle so gross wie Köpfe gewesen seien, und zerschlugen zahlreiche Fenster. Die Nonnen suchten daraufhin Schutz bei den weltlichen Verantwortlichen. Doch die Unterstützung blieb zögerlich und unzureichend. Selbst der eingesetzte Vogt soll aus Furcht vor dem Widerstand in der Bevölkerung gezögert haben. So waren die Klosterfrauen den Angriffen weitgehend ausgeliefert. Die Stimme einer betroffenen Frau Dass wir von diesen Ereignissen wissen, verdanken wir einer zehnseitigen handschriftlichen Überlieferung. Sie schildert Vorgänge aus den Jahren 1528 bis 1532 und entstand vermutlich im Zusammenhang mit einem rechtlichen Verfahren. Im Zentrum steht die Perspektive der Nonne Elisabeth Geilinger. Die Quelle sollte gegenüber den eidgenössischen Orten und einem Schiedsgericht darlegen, was den Frauen widerfahren war. Sie war deshalb kein neutraler Bericht, sondern ein Mittel, mit dem die Klosterfrauen ihre Erfahrungen festhielten und ihre Ansprüche begründeten. Gerade darin liegt ihre Bedeutung. Die Quelle überliefert nicht nur Gewalt und Vertreibung, sondern auch weiblichen Widerstand. Die Frauen beschrieben, was geschehen war, benannten Verantwortliche und forderten Schutz, Besitz und Rückkehr ein. In einer politischen und rechtlichen Ordnung, in der Entscheidungen mehrheitlich von Männern getroffen wurden, versuchten sie, sich mit den verfügbaren Mitteln Gehör zu verschaffen. Elisabeth Geilinger verliert ihre Zuflucht Elisabeth Geilinger verliess das Kloster im Jahr 1529. Nach ihrer Schilderung holte ihr Bruder Wolfgang sie angesichts der gefährlichen Lage in Magdenau zu sich. Drei Jahre lebte sie bei ihm. Doch auch diese Zuflucht währte nicht lange: Ihr Bruder kam im Krieg zwischen Zürich und den fünf katholischen Orten ums Leben. Elisabeth beschrieb sich danach als noch schutzloser als zuvor. Nach dem Friedensschluss verlangte sie, wieder in ihr Gotteshaus aufgenommen zu werden. Mehrfach wandte sie sich an die zuständigen Stellen im Toggenburg. Als sie keine eindeutige Antwort erhielt, reiste sie im Mai 1532 selbst nach Baden und trat dort vor die eidgenössischen Vertreter. Die Rückkehr nach Magdenau Die Verhandlungen zogen sich hin. Dabei ging es nicht nur um die Erlaubnis zur Rückkehr, sondern auch um die Wiederherstellung der Zellen, den Zugang zum Besitz und finanzielle Bedingungen. Schliesslich wurde entschieden, dass das Kloster in seiner bisherigen Form wiederhergestellt werden sollte. Elisabeth Geilinger konnte nach Magdenau zurückkehren. Zwischen 1536 und 1550 leitete sie das Kloster als Äbtissin. Aus der vertriebenen und zeitweise schutzlosen Klosterfrau wurde die Vorsteherin jener Gemeinschaft, deren Fortbestand wenige Jahre zuvor noch unsicher gewesen war. Ihre Geschichte zeigt, dass die Frauen von Magdenau nicht nur Betroffene der Reformation waren. Sie handelten, verhandelten und kämpften um den Fortbestand ihrer Gemeinschaft. Eine Geschichte, die bis nach Wettingen reicht
Zugleich erinnert ihre Geschichte daran, dass das Kloster Wettingen Teil eines weitreichenden institutionellen Netzes war. Der Wettinger Abt betreute nicht nur seine eigene Gemeinschaft. Er übernahm entsandte Priester als Seelsorger – in Magdenau auch den Dorfpfarrer – und wachte durch Visitationen über die gemeinsame Ordenspraxis. Die Krise von Magdenau war deshalb auch eine Krise dieses Netzwerks. Die Gewalt vor Ort konnte durch die Verbindung zu Wettingen nicht verhindert werden. Dennoch zeigt gerade diese Beziehung, wie eng Klöster über grosse Distanzen hinweg miteinander verbunden waren. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Die Autorin, Nathalie Weiss, studiert im Bachelor Geschichte im Hauptfach und Religionswissenschaft im Nebenfach an der Universität Zürich. Neben ihrem Studium arbeitet sie im Kundensupport und Marketing bei der Firma kirchenweb.ch. Zum Weiterlesen:
Auf den ersten Blick überraschend: In der Klosterkirche fehlt ein Grab des Gründers Heinrich von Rapperswil, der im Kapitelsaal begraben wurde. Stattdessen ruhen hier in zwei Sarkophagen Adlige der Familien Kyburg und Habsburg. Betrachtet man die Geschichte jedoch genauer, wird die Position der Gräber verständlich: Die Kyburger und Habsburger gehörten zu den frühen Förderern des Klosters. von Bruno Meier Die beiden mächtigen, etwa acht Tonnen schweren und aus Würenloser Muschelkalksandstein gefertigten Sarkophage der Kyburger und Habsburger stehen heute im Laienschiff des Klosters. Sie wurden nach der Renovation der Kirche 1993 dort platziert. Sicher seit dem Ende des 16. Jahrhunderts stand zumindest der Kyburger Sarkophag in der Vorhalle der Marienkapelle. Aufzeichnungen des Abtes Peter Schmid bestätigen dies und der St. Blasianer Mönch und Historiker Marquard Herrgott publizierte 1737 eine Zeichnung davon.
Wer waren die bestatteten Kyburger? Die Grablege zeigt die enge Verbundenheit der Kyburger mit dem Kloster Wettingen, auch wenn sie selbst nicht die eigentlichen Stifter gewesen waren. Da Anna von Rapperswil, die erste Frau von Hartmann dem Jüngeren, im Kapitelsaal von Wettingen 1253 ihre letzte Ruhe fand, wäre zu vermuten, dass ihr Mann deshalb in Wettingen bestattet wurde. Sein Onkel folgte ihm ein Jahr später nach. Im Nekrologium von Wettingen ist für den 3. September eine Jahrzeitstiftung der Witwe Elisabeth von Chalon, der zweiten Frau von Hartmann den Jüngeren, verzeichnet. Der Todestag von Hartmann dem Älteren wird am 27. November vermerkt. Erst Albrecht, dann Rudolf von Habsburg-Laufenburg Der zweite Sarkophag ist parallel mit einem vergleichbaren Flachrelief auf dem Deckel versehen, aber mit dem Wappen der Habsburger, dem aufsteigenden Löwen. Die Beschriftung und die farbige Bemalung sowie die Statuette, die König Albrecht I. darstellt, stammen aus der Zeit um 1570 und wurden von Abt Christoph Silberysen angebracht. Berühmt geworden ist die Grablege als vorübergehender Bestattungsort des bei Windisch am 1. Mai 1308 ermordeten habsburgischen Königs Albrecht I. von Habsburg-Österreich, der erst im Herbst 1309 nach Speyer überführt wurde und dort an der Seite seines Vaters die letzte Ruhe fand. Darauf nehmen die Beschriftungen von Silberysen Bezug. Im Jahr 1314 fand gemäss Silberysen Rudolf III. von Habsburg-Laufenburg, zweiter Ehemann von Elisabeth, der letzten Rapperswilerin, hier seine letzte Ruhestätte. Er sei in Montpellier auf dem Weg an den französischen Königshof verstorben und sein Leichnam nach Wettingen überführt worden. Rätsel um den Standort der Grablege
Der Sarkophag ist allerdings einige Jahrzehnte älter und wird aus einer ähnlichen Zeit stammen wie sein Gegenüber. Es ist deshalb zu vermuten, dass er schon früher als Grabstätte der Habsburg-Laufenburger diente, vielleicht für Rudolfs Vater Gottfried, der 1271 verstorben war. Wahrscheinlich steht der Sarkophag am ursprünglichen Ort. Allerdings kann es auch sein, dass die 1256 geweihte Marienkapelle als Grabkapelle gebaut worden ist und beide Sarkophage ursprünglich dort gestanden haben. Aufgrund der Quellenlage lässt sich dies jedoch nicht entscheiden. Weiterlesen: Windler, Renata: Grabstätten der Grafen von Kyburg. In: Die Grafen von Kyburg. Eine Adelsgeschichte mit Brüchen. Hg. von Peter Niederhäuser. Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich Bd. 82. Zürich 2015, S. 53–64. Zwischen Heiligenfiguren und Engeln verbergen sich in der Mönchskirche Wettingen groteske Fratzen. Diese sogenannten Drolerien im Chorgestühl wirken auf den ersten Blick fehl am Platz. Doch gerade sie eröffnen einen ungewohnten Blick auf das Leben und Denken der Zisterzienser. von Jana Kernen Sie reissen die Münder weit auf, zeigen die Zähne, strecken die Zunge heraus und verdrehen die Augen gen Himmel: Die Fratzen im Chorgestühl befinden sich in dem Teil der Klosterkirche, zu dem nur die Mönche Zutritt hatten. Hier nahmen sie mehrmals täglich Platz, um gemeinsam zu beten und zu singen. Sieben Mal am Tag und einmal in der Nacht kamen hier die Mönche zusammen für das Stundengebet. Entstanden ist das Chorgestühl in Wettingen unter Abt Peter Schmid in den Jahren 1601 bis 1604. Es besteht aus fünfzig Plätzen in zwei abgewinkelten Doppelreihen. Wer genau die Schnitzereien in das Gestühl aus Eichenholz einarbeitete, lässt sich heute nicht mehr eindeutig sagen. Hinweise deuten auf mehrere beteiligten Handwerker hin. Nachweislich mitgearbeitet haben ein Tischler mit dem Vornamen Hans Jakob, ein Künstler mit den Initialen «GI», ein Bildhauer aus Württemberg und der Bildschnitzer Christoph Fünffe aus Waldshut. Das Chorgestühl ist also ein Gemeinschaftswerk verschiedener Werkstätten. Groteske Figuren im heiligen Raum Neben Heiligenfiguren und Pflanzenornamenten befinden sich auch musizierende Tiere, Mischwesen, zum Schrei verzerrte Gesichter und andere Fantasiegestalten am Chorgestühl. Die teilweise gruseligen und grotesken Figuren wirken im ersten Moment fremd und widersprüchlich in einem Raum, der von Ordnung und Andacht geprägt ist. Warum finden sich solche Figuren ausgerechnet im sakralen Raum? Weshalb wurden sie nicht entfernt oder verhindert? Der Zisterzienserorden war eigentlich für ein Leben nach strengen Regeln, Abgeschiedenheit und Einfachheit bekannt. Ist Kunst gefährlich? Der grosse Förderer des Zisterzienserordens Bernhard von Clairvaux gibt in seiner berühmten «Apologia» einen Einblick in das ursprüngliche Kunstverständnis der Zisterzienser. Er fragt rhetorisch: «Wozu dienen in den Klöstern, vor den Augen der lesenden Brüder, jene lächerlichen Missgeburten, eine auf wunderliche Art entstellte Schönheit und schöne Scheusslichkeit? Was bezwecken dort die unflätigen Affen, die wilden Löwen? Was die widernatürlichen Zentauren, die halbmenschlichen Wesen, die gefleckten Tiger? Was sollen die kämpfenden Krieger, die Jäger mit ihrem Horn?» Bernhard sieht Kunst als Gefahr, da sich die Mönche von ihr verführen und ablenken lassen könnten. Trotzdem konnte sich ein Kunstverbot in den Kirchen nicht durchsetzen. Die Schnitzereien am Chorgestühl sind jedoch auch nicht ausschliesslich als Kunst zu betrachten. Die seltsam grotesken Figuren werden Drolerien genannt und erfüllen im sakralen Raum eine ganz bestimmte Aufgabe. Drollige Gesichter Der Begriff «Drolerie» stammt vom französischen Begriff «drôle» ab und bedeutet so viel wie «drollig», «lustig» oder «merkwürdig». Drolerien können unterschiedlich aussehen: Sie zeigen Fantasiegestalten, Fabelwesen, Monster, Mischwesen oder Tiere, die menschliches Verhalten nachahmen. Charakterisierend für Drolerien ist denn auch weniger das Motiv als ihr Standort. Typischerweise findet man sie am Rande der Kunst. In der Buchmalerei zieren sie die Seitenränder, in Kirchen die Eingänge, Torbögen und Portale. Im Chorgestühl in Wettingen befinden sie sich vor allem an Vorsprüngen der Klappsitze des Chorgestühls – sogenannten Miserikordien. Die Position der Drolerien ist kein Zufall. Die Drolerien entziehen sich einem flüchtigen ersten Blick. Sie sind nur für jene bestimmt, die sich regelmässig im Chorgestühl aufhalten. Damit richtet sich ihre Botschaft nicht an Besucherinnen und Besucher, sondern an die Mönche selbst. Kleine Figuren erzielen grosse Wirkung Die bewusste Platzierung im sakralen Raum erzeugt einen Kontrast zwischen den beiden Bildwelten in einer Kirche. So wird die Wirkung des Raums auf die Betrachtenden bewusst verstärkt: Während die Heiligenfiguren göttliche Nähe verkörpern, zeigen die Drolerien am Chorgestühl in Wettingen häufig sündhaftes Verhalten. Wesen, die menschliche und tierische Elemente verbinden, verweisen auf Teile der Psyche: Die tierischen Elemente sollen das Animalische, Unkontrollierbare und Dämonische darstellen. Für die Mönche waren diese Figuren Teil des Alltags. Bei jedem Besuch im Chorgestühl wurden sie durch die Drolerien mit Versuchungen, Lockungen und der drohenden Gefahr des Dämonischen konfrontiert. Pflanzen aus den Ohren Doch die Drolerien warnen nicht nur vor Sünde und Versuchung. Anders als die Mischwesen mahnen die teilweise als «Green-Man-Figuren» bezeichneten Drolerien zur Bescheidenheit und machen den Mönchen ihre eigene Sterblichkeit bewusst. Diesen Gesichtern wuchern Pflanzen aus Ohren, Mund und Nase. Die Natur-Elemente stehen für die eigene Endlichkeit und motivieren gleichzeitig zu einem gottesfürchtigen Leben. Die Forscherin Heidi Thimann schreibt zu den Drolerien, dass sie eine doppelte Funktion hätten: «[…] one to amuse and the other to have a didactic purpose […]», also einen unterhaltenden und einen didaktischen Zweck. Im Fokus stand das Aufzeigen sündhaften oder «monströsen» Verhaltens, das durch die Betrachtung eines zentralen – sakralen – Bildes erkannt und überwunden werden sollte. So glaubte man, dass Sünde und Verdammnis an den Rändern lauerten, während im Zentrum Gnade und Erlösung zu finden waren. Ein zweiter Blick lohnt sich Die Botschaften der Drolerien waren explizit für die Zisterziensermöche gedacht. Heutigen Besucherinnen und Besucher bleiben sie in der Regel verschlossen. Dabei würden sie einen ungewohnten Zugang zur Klosterkirche Wettingen eröffnen: Sie zeigen, dass selbst in einem streng geregelten Leben nach Gottes Wort Platz für Menschlichkeit und Selbstreflexion war. Wer sich beim nächsten Besuch Zeit nimmt und genauer hinschaut, entdeckt im Chorgestühl mehr als kunstvolle Schnitzereien. Die Drolerien erzählen von den Menschen, die einst dort lebten, beteten und arbeiteten, von ihren Werten und Vorstellungen. Jana Kernen schliesst im Sommer 2026 die gymnasiale Matur an der Kantonsschule Wettingen ab. Sie hat ihre Maturaarbeit zu den Drolerien im Chorgestühl der Klosterkirche geschrieben. Dieser Artikel fasst ihre wichtigsten Befunde zusammen. Ab Herbst 2026 studiert sie Kunstgeschichte und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Zürich. Sie interessiert sich besonders für die Wechselwirkungen von Kunst, Kultur, Religion und Gesellschaft.
Wer ins Kloster eintreten wollte, musste erst einiges lernen. Einen Einblick in die Unterweisung der Novizen im Kloster Wettingen im 17. Jahrhundert gibt das Notizbuch des damaligen Anwärters Viktor Oswald. von Flurin Alder Wir schreiben das Jahr 1662. Ein 40-jähriger Wettinger Mönch spricht mit strenger Miene zu einer kleinen Gruppe junger Männer. Unter ihnen ist der 17-jährige Viktor Oswald aus Rapperswil. Aufmerksam hört er zu und schreibt fleissig Notizen in ein kleines Büchlein. Seit er vor einigen Wochen ins Kloster aufgenommen wurde, ist er Novize, also «auszubildender» Mönch in der «Probezeit». Der Eintritt ins Kloster hat Viktors Leben schlagartig verändert. Was er wann tut, ist streng vorgegeben. Er ist nun Teil einer Gemeinschaft und muss sich dieser unterordnen. Ausgebildet und erzogen werden er und die anderen Novizen von Johann Breni, dem Novizenmeister in Wettingen. Während eines Jahres bringt Pater Johann den Novizen bei, was es heisst, Mönch zu sein. Was von den Novizen erwartet wurde, können wird dem Notizbuch Viktor Oswalds entnehmen, das bis heute in der Kantonsbibliothek Aargau erhalten ist. Die Tugenden eines Mönchs von A bis Z Das Büchlein in Oswalds Hand trägt den Namen «Auxiliatrix virtutum», wörtlich übersetzt «Helferin der Tugenden». Es enthält Merksätze und kurze Ausführungen zu Tugenden und Pflichten eines Mönchs. Ein besonders schöner Ausschnitt ist das «Alphabetum religiosorum», das «Alphabet der Religiosen», also der Mönche. Es ist einem Druck Benedictus van Haeftens, eines wichtigen benediktinischen Autors der Zeit, entnommen. Dieses klösterliche Abecedarium besteht aus kurzen, in Versen angeordneten Merksätzen, die jeweils mit einem Buchstaben des Alphabets beginnen. Das letzte Wort jedes Satzes endet auf «-entia». Aufgrund dieser Endreime sind die Sätze sehr einprägsam. Die ersten drei Zeilen der insgesamt 22 Verse lauten folgendermassen: «Amato Dominum tota potentia./ Benefac omnibus, sine invidentia./ Cellamque inhabitans, ferva silentia.» Die Mönche sollten demnach den Herrn mit ganzer Kraft lieben, allen ohne Neid Gutes tun und sich beim Bewohnen ihrer Zellen in Schweigen üben. Die Verse dürfte sich Oswald allerdings gerade durch lautes Aussprechen eingeprägt haben. Leben für das Jenseits «Honora Praesules cum reverentia», «Ehre die Vorgesetzten mit Ehrfurcht» lautet eine weitere Vorschrift des Alphabets. Hierarchie war ein zentraler Aspekt des Klosterlebens. So schuldeten die Novizen gerade auch ihrem Meister Johann Breni Gehorsam. Das «Alphabetum religiosorum» ist kein komplexes, in sich geschlossenes Regelwerk. Vielmehr nennt es die wichtigsten Grundsätze und Tugenden, an denen sich ein Novize orientieren sollte. So heisst es auch, man solle «das Joch des Herrn mit Geduld» tragen. «Bete sehr oft, denke an das, was bevorsteht», lautet eine Aufforderung, «Gib das Wertlose, das schnell vergeht, auf» eine andere. Die Mönche sollten den irdischen Verlockungen entsagen und ihr Leben ganz auf das Jenseits ausrichten. Drei Tage in Folge ein Ja Doch wie wurde man überhaupt ins Kloster aufgenommen? Das Verfahren für die Aufnahme von Anwärtern ins Kloster war durch das «Gebräuchebuch der Zisterzienser», die «Ecclesiastica Officia», geregelt. Es gab vor, diejenigen, die in das Kloster eintreten wollten, erst vier Tage warten zu lassen. Falls die Person dann immer noch von ihrem Vorhaben überzeugt war, sollte man sie ins Kapitel, also zur Versammlung aller Ordensmitglieder, führen. Dort hatte sie sich vor dem Lesepult niederzuwerfen. Und dann fragte der Abt den Bittsteller, was er erbitte, woraufhin dieser antworten musste: «Misericordiam Dei et vestram», «die Barmherzigkeit Gottes und die eure». Daraufhin sollte er wieder aufstehen. Danach habe der Abt ihm «die Rauheit des Ordenslebens» zu erklären, um dessen Überzeugung zu testen. Sollte der Bittsteller weiterhin auf einer Aufnahme beharren, habe der Abt mit der Bitte zu schliessen, Gott möge in ihm vollenden, was er mit ihm begonnen habe, woraufhin die Gemeinschaft «Amen» spreche. Falls der Neuling auch jetzt noch bleiben wollte, sollte er wieder ins Gästehaus geführt werden. Das Prozedere sollte an den zwei darauffolgenden Tagen wiederholt werden. Falls er selbst nach dem dritten Tag noch bleiben wollte, wurde er in die Novizenzelle geführt. Leben in der Klostergemeinschaft Jetzt begann sein Probejahr. In dieser Zeit musste der Novize den gleichen Tagesablauf einhalten und die gleiche Nahrung zu sich nehmen wie alle anderen Mönche. Den monastischen Habit, das Gewand der Mönche, durfte er aber noch nicht anziehen. Stattdessen trug er einen langen Umhang. Auch die Tonsur, den Haarschnitt der Mönche, erhielt er erst bei der Mönchsweihe, nachdem er das Probejahr erfolgreich absolviert hatte. Novizen wie Viktor Oswald entsagten vollkommen den irdischen Verlockungen. Sie sollten sich nicht mehr von persönlichem Ehrgeiz, von ihren individuellen Wünschen und Begierden antreiben lassen. Ihr Leben war ganz auf die Gemeinschaft und letztlich auf den Dienst an Gott ausgerichtet. Diese Aufgabe der individuellen Freiheit mag – gerade aus heutiger Sicht – radikal scheinen. Diese besondere Form der Gemeinschaft, die sich durch Verzicht, Arbeit und Hingabe an den Glauben auszeichnet, übt auch heute noch eine Faszination aus, auch wenn in unseren Breitengraden nur noch wenige Klostereintritte zu verzeichnen sind. Harte Strafen und eingängige Merksprüche Doch was Oswald erleben sollte, war nicht nur Gemeinschaft und Harmonie. Das Noviziat war eine harte Schule. Bestrafungen in der Form physischer Gewalt waren beinahe an der Tagesordnung. So wurden Novizen regelmässig mit Ruten gezüchtigt oder mussten vor der «Schändsäule» knien, wie Anton Kottmann und Markus Hämmerle in ihrem Buch «Die Zisterzienserabtei Wettingen» schreiben. Die Unterrichtsmethoden wirken aus heutiger Sicht brutal und kaum mehr zeitgemäss. Zeitlos hingegen ist der Sinn eines kleinen Sprüchleins, das Viktor Oswald in seinem Buch notierte: «Qui legit, intelligat. / Qui intelligit, faciat. / Qui facit, perseveret.». Übersetzt: «Wer liest, der soll verstehen. / Wer versteht, der soll handeln. / Wer handelt, der soll bestehen.» Weiterlesen: Kottmann, Anton/ Hämmerle, Markus: Die Zisterzienserabtei Wettingen. Geschichte des Klosters Wettingen und der Abtei Wettingen-Mehrerau, Baden 1996. Tremp, Ernst: Zisterzienser, in: Historisches Lexikon der Schweiz. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Der Autor, Flurin Alder, studiert im Master Geschichte und Germanistik an der Universität Zürich, wobei er auch ein Austauschsemester an der Università Ca’ Foscari in Venedig absolvierte.
Karikaturen aus dem Aargauer Klosterstreit stellten die Mönche von Wettingen als trinkfreudige Scheinheilige dar. Die Bilder dienten nicht nur der Belustigung, sondern verfolgten ein klares Ziel: die Delegitimierung kirchlicher und moralischer Autorität. Flaka Emra Bern, April 1841: In den Kaffeehäusern der Stadt herrscht dichtes Treiben. Zwischen dampfenden Kaffeetassen, politischen Stammtischen und hitzigen Wortgefechten sorgt eine neue Ausgabe des Gukkasten für Aufsehen. Die radikal-liberale Satirezeitschrift, bekannt für ihre antiklerikalen Karikaturen, erweckt mit einer einzigen Illustration besonders viel Aufmerksamkeit. «Erinnerungen aus dem Aargau 1841» steht schlicht über dem Bild, doch was die Betrachterinnen und Betrachter zu sehen bekommen, ist geradezu skandalös. Zu sehen ist ein Fest in wohl klösterlichen Mauern, wo Mönche und Soldaten dicht gedrängt feiern. Der Wein fliesst in Strömen. Es wird gelacht, getanzt und gerauft. Einer der Mönche taumelt am Rand der Szene und übergibt sich im Kreuzgang. Das Kreuz bleibt stumm über dem Treiben hängen – ein unbewegter Zeuge inmitten der Zügellosigkeit. Kellers Kampfrede wird zum Bild Während Einkehrende in Kaffeehäusern über die neuste Karikatur im Gukkasten lachten, spitze sich ein politischer Machtkampf zu, der das ganze Land erfasste. Die Aufhebung der Aargauer Klöster widersprach dem Bundesvertrag von 1815, der den Schutz der Klöster garantierte. Die Auseinandersetzungen über den Klosterstreit führten zum letzten Krieg auf Schweizer Boden – dem Sonderbundskrieg – und schliesslich 1848 zur Gründung des neuen Bundesstaats.
Bildliche Munition im Kulturkampf Die Karikatur im Gukkasten griff diese Zuspitzung auf. Sie zeigte Mönche im Rausch, feiernd mit Soldaten. Tatsächlich waren in den Klöstern von Wettingen und Muri Soldaten stationiert. Berichte über dortige Trinkgelage lieferten wohl die Vorlage. Die Kutten aber passten weder zu den Zisterziensern von Wettingen noch zu den Benediktinern von Muri. Karikaturist Heinrich von Arx zeichnete Kapuziner, Ordensgeistliche, die damals eher in der Öffentlichkeit sichtbar waren. Ihre Zeichnung zeigte keine Realität, sondern ein politisches Bild, das Kellers Worte zum Leben erweckte. Zwischen Wirklichkeit und Wunschbild Die Karikatur lässt den Eindruck entstehen, als hätten sich Mönche und Soldaten beim Fall der Klöster gemeinsam dem Rausch hingegeben, als wären Mönche über den Aufhebungsbeschluss ebenfalls in Feierlaune geraten. Die zeitgenössischen Quellen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Oberst Friedrich Frey-Herosé berichtet, wie in Muri seine Soldaten die Weinkeller plünderten, betrunken durch das Kloster taumelten, Güter beschädigten und die Mönche beim Gebet störten. Von einem Fest findet sich jedoch kein Hinweis. Anders beschrieb Frey-Herosé die Szene in Wettingen: Die Mönche seien dicht gedrängt im Refektorium gestanden, hustend, spuckend, räuspernd und manche sogar mit einem leichten Lächeln. Von Schmerz, wie er ihn in Muri gesehen habe, keine Spur. Und doch berichtete ein Soldat aus Baselland von einer Nacht im Kloster Wettingen mit Champagner, Malaga, Johannisberger und Tanz – ganz so, wie es die Karikatur genüsslich vor Augen führt. Karikaturen beeinflussen die Meinungsbildung «Erinnerungen aus dem Aargau 1841» - schlicht im Titel, durchschlagend in der Wirkung. Doch wessen Erinnerungen werden hier eigentlich gezeigt? Nicht die der betroffenen Klosterbewohner, sondern die der radikal-liberalen Bewegung, zugespitzt im Gukkasten von Samuel Friedrich Jenni. Im selben Jahr servierte Jenni auch die «Aargauische Klostersuppe» – eine bissige Schrift, in der die Mönche als verkommene, lasterhafte Männer verspottet werden. Die Karikatur war Teil einer politischen Kampagne, die längst nicht mehr nur im Grossen Rat geführt wurde. Nach Ende der Zensur 1830 blühte die Presse auf. Doch sie blieb nicht «neutral». Die Presse war eine Gesinnungspresse, und somit Sprachrohr der Politik. Sie bezog klare Stellung. Sie kämpfte nicht mit Argumenten, sondern mit Bildern, die den Gegner lächerlich machten. Zwischen 1840 und 1842 radikalisierte sich der Ton. Der Kampf gegen die Klöster verlagerte sich von den politischen Gremien auf die Titelseiten der Presse, auf Flugblätter und in zahllose Broschüren. Was Worte allein nicht erreichen konnten, sagten die Bilder. Verleger Jenni traf damit den Nerv der Zeit. Mit jeder Karikatur schärfte er das Feindbild des lasterhaften Klerus weiter. Nicht nur das bekannte Gelage mit Wein und Tanz prägte sich ein. Auch andere Bilder zeigten immer das gleiche: trinkende Mönche, freudige Klosterbewohner auf dem Abzug, der erbitterte Kampf zwischen Liberalismus und katholischer Tradition. Karikaturen verdichteten so den politischen Streit zu einer einfachen, emotionalen Szene, die hängen blieb. So nahm «Erinnerungen aus dem Aargau 1841» Einfluss darauf, was am Ende gesehen, gedacht und erinnert wurde. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich.
Flaka Emra studiert Kommunikationswissenschaft und Geschichte an der Universität Zürich. Sie interessiert sich besonders für die Frage, wie sich historische Perspektiven mit aktuellen gesellschaftlichen Themen verknüpfen lassen – und wie Geschichte durch zeitgemässe Kommunikation neu erzählt und lebendig vermittelt werden kann. Das Ende der Klöster im Aargau kam 1841 schnell, aber nicht unerwartet. Im Kanton herrschte eine extreme Polarisierung. Auch im Dorf Wettingen war man sich wegen des Klosters spinnefeind. Luca Giannini «Stellen Sie einen Mönch in die grünen Auen des Paradieses, und so weit sein Schatten fällt, versengt er jedes Leben, wächst kein Gras mehr.» Es sind harte Worte, die am 13. Januar 1841 im Aargauer Grossen Rat fallen. Ihr Urheber ist Augustin Keller, der mit ihnen seinen Antrag zur Aufhebung der Aargauer Klöster bewarb. Die Zuschauer auf den Tribünen toben und applaudieren dem Redner begeistert. Die Episode zeigt: Auch wenn unsere Gegenwart von Populismus und Polarisierung geprägt ist, so sind es keine Neuerscheinungen. Schon vor 200 Jahren waren diese Phänomene an der Tagesordnung, auch in Wettingen. Novizen weg, Schule weg: Die Klöster dürfen immer weniger In den 1830er-Jahren zeigten sich immer mehr Spannungen in der aargauischen Gesellschaft, Hauptstreitpunkt war das Verhältnis von Staat und Kirche. Dabei rückten die Klöster stark in den Fokus. In dieser Situation betrat Augustin Keller die politische Bühne. Er stammte aus Sarmenstorf im Freiamt und war ein überzeugter Radikal-Liberaler. Seit 1834 amtierte er als Direktor des Aargauischen Lehrerseminars in Aarau, seit 1835 als Grossrat. Schul- und Kirchenpolitik waren seine Hauptthemen und so wurde er zu einem bekannten Vorkämpfer für eine staatliche Hoheit über die Kirche respektive gegen die Klöster. Ebendiese Klöster waren im Aargau seit 1835 stark eingeschränkt. Sie durften keine Novizen mehr aufnehmen, kamen unter staatliche Verwaltung und mussten ihre Schulen schliessen. Medial und politisch standen sie im Fokus der Radikal-Liberalen, so auch bei Kaspar Leonz Bruggisser, einem Mitstreiter Kellers, der sie als «Krebsschaden» bezeichnete. Diese Auseinandersetzungen bildeten das Vorspiel des Aargauer Klosterstreites. Polemische Predigten, Schlägereien und «dummdreiste Saufmönche» Von dieser aufgeheizten Stimmung blieb auch Wettingen nicht verschont. Seit Jahrhunderten war das Dorf mit dem Zisterzienserkloster eng verbunden. Es war ein bedeutender Arbeitgeber und ein Mönch amtierte jeweils als Ortspfarrer. Nun wurde das Verhältnis laufend schlechter. Konflikte zeigten sich zwischen dem äusserst konservativen Dorfpfarrer Pater Ludwig Oswald und seinen Anhängern einerseits sowie dem radikal-liberalen Gemeindeamman Bopp und seinen Unterstützern andererseits. 1832 gab es zur offiziellen Wettinger Gemeindeschule unter Lehrer Berz eine Ergänzung. Der junge Leonz Bopp gründete eine «Nachtschule». Diese war Pfarrer Oswald ein Dorn im Auge, was er in einer Predigt deutlich machte. In der Folge spaltete sich die Bevölkerung Wettingens. Pfarrertreue Einwohner stellten vor der Kirche zur Unterstützung ihres Seelsorgers eine Tanne auf. Radikale verwickelten die Bewacher des Baumes daraufhin in eine wüste Schlägerei. Es blieb aber nicht bei indirekten Angriffen auf Oswald und seine Mitmönche. Die Gegner verstopften zuerst den Klosterbach mit Mist, 1834 planten sie dann, das Kloster zu überfallen. Nur die Präsenz der vorgewarnten Polizei konnte dies verhindern. 1835 goss Pfarrer Oswald erneut Öl ins Feuer. Er weigerte sich, eine amtliche Proklamation zu verlesen. Das Bezirksgericht setzte ihn daraufhin ab. Die Spannungen im Dorf konnte auch sein Nachfolger Placidus Bumbacher nicht beheben. Parallel zur Entwicklung im Dorf war die Kluft zwischen Radikal-Liberalen und Konservativen im Aargau und sogar schweizweit immer grösser geworden. Es kursierten Schmähschriften und Verleumdungen. In einer Berner Zeitung wurde ein Wettinger Zisterzienser etwa als «dummdreister Saufmönch» beschimpft. Bis ins 20. Jahrhundert hinein: Die Folgen von 1841 wirken lange nach Gegen Ende der 1830er-Jahre beruhigten sich die Gemüter kurzfristig, doch ab 1840 gingen die Wogen wieder hoch. Auslöser war eine neue Aargauer Verfassung, die eine Mehrheit der stimmberechtigten Männer am 5. Januar 1841 annahm. In den katholischen Bezirken wurde die Vorlage allerdings haushoch verworfen. An einigen Orten, etwa im Freiamt und im unteren Aaretal kam es daraufhin zu Unruhen. Die Radikal-Liberalen machten dafür die Klöster verantwortlich. Nach Kellers Rede erfolgte ihre Aufhebung, die mit grosser Mehrheit beschlossen wurde. Das war der endgültige Auslöser des Aargauer Klosterstreites. Am Tag danach besetzten Baselbieter, Berner und Aargauer Truppen das Kloster Wettingen, Widerstand aus dem Dorf gab aber es erstaunlicherweise nicht. Dafür eilten aus Neuenhof, Spreitenbach und Dietikon Unterstützer des Klosters herbei. Angesichts der geschaffenen Tatsachen zogen sie jedoch schnell wieder ab. Am 28. Januar 1841 verliessen die meisten Mönche die Gebäude und begaben sich auf eine jahrelange Odyssee, als letzter Bewohner verabschiedete sich am 4. Februar der Stellvertreter des Abtes von den Klostermauern. 1854 fanden die Wettinger Zisterzienser in Mehrerau am Bodensee schliesslich eine neue Heimat. In die leeren Räume des Klosters aber zog das Aargauer Lehrerseminar ein, womit Wettingen für über 100 Jahre eine zentrale Institution des Kantons beheimatete. Dieser gewährte den Vertriebenen indes bis zu ihrem Tod Pensionen. Das zog sich hin: Der letzte Empfänger, Bruder Konstantin Lüthi, starb erst 1903, im hohen Alter von 99 Jahren. Weiterlesen:
Heinrich Staehelin: Geschichte des Kantons Aargau, Band 2, 1830-1885, Baden 1978 (V.a. die Kapitel «1831-1840» und «Die Krise des aargauischen Staatswesens 1840-41»). Anton Kottmann: Die Zisterzienserabtei Wettingen. Geschichte des Klosters Wettingen und der Abtei Wettingen-Mehrerau, Baden 1996. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Autor Luca Giannini studiert Geschichte und Germanistik und arbeitet nebenbei in einem Archiv. In seiner Masterarbeit setzt er sich mit der Aargauer Klostergeschichte im 19. Jahrhundert auseinander. |
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Oktober 2026
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