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Karikaturen aus dem Aargauer Klosterstreit stellten die Mönche von Wettingen als trinkfreudige Scheinheilige dar. Die Bilder dienten nicht nur der Belustigung, sondern verfolgten ein klares Ziel: die Delegitimierung kirchlicher und moralischer Autorität. Flaka Emra Bern, April 1841: In den Kaffeehäusern der Stadt herrscht dichtes Treiben. Zwischen dampfenden Kaffeetassen, politischen Stammtischen und hitzigen Wortgefechten sorgt eine neue Ausgabe des Gukkasten für Aufsehen. Die radikal-liberale Satirezeitschrift, bekannt für ihre antiklerikalen Karikaturen, erweckt mit einer einzigen Illustration besonders viel Aufmerksamkeit. «Erinnerungen aus dem Aargau 1841» steht schlicht über dem Bild, doch was die Betrachterinnen und Betrachter zu sehen bekommen, ist geradezu skandalös. Zu sehen ist ein Fest in wohl klösterlichen Mauern, wo Mönche und Soldaten dicht gedrängt feiern. Der Wein fliesst in Strömen. Es wird gelacht, getanzt und gerauft. Einer der Mönche taumelt am Rand der Szene und übergibt sich im Kreuzgang. Das Kreuz bleibt stumm über dem Treiben hängen – ein unbewegter Zeuge inmitten der Zügellosigkeit. Kellers Kampfrede wird zum Bild Während Einkehrende in Kaffeehäusern über die neuste Karikatur im Gukkasten lachten, spitze sich ein politischer Machtkampf zu, der das ganze Land erfasste. Die Aufhebung der Aargauer Klöster widersprach dem Bundesvertrag von 1815, der den Schutz der Klöster garantierte. Die Auseinandersetzungen über den Klosterstreit führten zum letzten Krieg auf Schweizer Boden – dem Sonderbundskrieg – und schliesslich 1848 zur Gründung des neuen Bundesstaats.
Bildliche Munition im Kulturkampf Die Karikatur im Gukkasten griff diese Zuspitzung auf. Sie zeigte Mönche im Rausch, feiernd mit Soldaten. Tatsächlich waren in den Klöstern von Wettingen und Muri Soldaten stationiert. Berichte über dortige Trinkgelage lieferten wohl die Vorlage. Die Kutten aber passten weder zu den Zisterziensern von Wettingen noch zu den Benediktinern von Muri. Karikaturist Heinrich von Arx zeichnete Kapuziner, Ordensgeistliche, die damals eher in der Öffentlichkeit sichtbar waren. Ihre Zeichnung zeigte keine Realität, sondern ein politisches Bild, das Kellers Worte zum Leben erweckte. Zwischen Wirklichkeit und Wunschbild Die Karikatur lässt den Eindruck entstehen, als hätten sich Mönche und Soldaten beim Fall der Klöster gemeinsam dem Rausch hingegeben, als wären Mönche über den Aufhebungsbeschluss ebenfalls in Feierlaune geraten. Die zeitgenössischen Quellen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Oberst Friedrich Frey-Herosé berichtet, wie in Muri seine Soldaten die Weinkeller plünderten, betrunken durch das Kloster taumelten, Güter beschädigten und die Mönche beim Gebet störten. Von einem Fest findet sich jedoch kein Hinweis. Anders beschrieb Frey-Herosé die Szene in Wettingen: Die Mönche seien dicht gedrängt im Refektorium gestanden, hustend, spuckend, räuspernd und manche sogar mit einem leichten Lächeln. Von Schmerz, wie er ihn in Muri gesehen habe, keine Spur. Und doch berichtete ein Soldat aus Baselland von einer Nacht im Kloster Wettingen mit Champagner, Malaga, Johannisberger und Tanz – ganz so, wie es die Karikatur genüsslich vor Augen führt. Karikaturen beeinflussen die Meinungsbildung «Erinnerungen aus dem Aargau 1841» - schlicht im Titel, durchschlagend in der Wirkung. Doch wessen Erinnerungen werden hier eigentlich gezeigt? Nicht die der betroffenen Klosterbewohner, sondern die der radikal-liberalen Bewegung, zugespitzt im Gukkasten von Samuel Friedrich Jenni. Im selben Jahr servierte Jenni auch die «Aargauische Klostersuppe» – eine bissige Schrift, in der die Mönche als verkommene, lasterhafte Männer verspottet werden. Die Karikatur war Teil einer politischen Kampagne, die längst nicht mehr nur im Grossen Rat geführt wurde. Nach Ende der Zensur 1830 blühte die Presse auf. Doch sie blieb nicht «neutral». Die Presse war eine Gesinnungspresse, und somit Sprachrohr der Politik. Sie bezog klare Stellung. Sie kämpfte nicht mit Argumenten, sondern mit Bildern, die den Gegner lächerlich machten. Zwischen 1840 und 1842 radikalisierte sich der Ton. Der Kampf gegen die Klöster verlagerte sich von den politischen Gremien auf die Titelseiten der Presse, auf Flugblätter und in zahllose Broschüren. Was Worte allein nicht erreichen konnten, sagten die Bilder. Verleger Jenni traf damit den Nerv der Zeit. Mit jeder Karikatur schärfte er das Feindbild des lasterhaften Klerus weiter. Nicht nur das bekannte Gelage mit Wein und Tanz prägte sich ein. Auch andere Bilder zeigten immer das gleiche: trinkende Mönche, freudige Klosterbewohner auf dem Abzug, der erbitterte Kampf zwischen Liberalismus und katholischer Tradition. Karikaturen verdichteten so den politischen Streit zu einer einfachen, emotionalen Szene, die hängen blieb. So nahm «Erinnerungen aus dem Aargau 1841» Einfluss darauf, was am Ende gesehen, gedacht und erinnert wurde. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich.
Flaka Emra studiert Kommunikationswissenschaft und Geschichte an der Universität Zürich. Sie interessiert sich besonders für die Frage, wie sich historische Perspektiven mit aktuellen gesellschaftlichen Themen verknüpfen lassen – und wie Geschichte durch zeitgemässe Kommunikation neu erzählt und lebendig vermittelt werden kann. Kommentare sind geschlossen.
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