Vom Druck zurück zur Handschrift: Wie ein Basler Fastnachtsspiel im Kloster Wettingen landet24/10/2026
In einem Buch von Abt Christoph Silberysen findet sich ein Basler Fastnachtsspiel. Was bewog den katholischen Abt dazu, ein frühreformatorisches Fastnachtsspiel abzuschreiben? Und warum hat er es so prächtig bebildern lassen? von Julie Dietsche Ein Ausschnitt aus der Abschriftt des «Nollhart» von Christoph Silberysen. In diesem Abschnitt befragt der Papst zunächst Bruder Nollhart, der ihn weiter zur heiligen Brigitta von Schweden schickt. Bei jedem Sprecherwechsel werden die beiden Figuren, die miteinander sprechen, gezeichnet. Bild: e-codices, Aarau, Aargauer Kantonsbibliothek, MsWettF 33: fol. 52v, 53r. Abt Christoph Silberysen (1542–1608, Abt 1563–1594) schuf im Laufe seines Lebens mehrere Handschriften, die sich heute vor allem in der Kantonsbibliothek Aarau befinden. An vielen davon arbeitete er gleichzeitig und über mehrere Jahre hinweg. Neben seiner bekannteren dreibändigen Schweizer Chronik trug er verschiedenste Texte in thematischen Sammelhandschriften zusammen. Eine davon – sie trägt die Signatur AKB MsWettF 33 – besteht aus einer Sammlung historischer und prophetischer Texte sowie aus Aufzeichnungen aussergewöhnlicher Naturereignisse, die Silberysen teilweise von zeitgenössischen Flugblättern abgeschrieben hatte. Alle treffen den Propheten In dieser Handschrift befindet sich auch das Fastnachtsspiel «Der Nollhart», das ursprünglich von Pamphilus Gengenbach (ca. 1480–1525) verfasst und 1517 in Basel an der Herrenfasnacht aufgeführt wurde. Fastnachtsspiele waren eine Art Theaterstück, die auf offenen Plätzen aufgeführt wurden. Meist behandelten sie lustige, derbe Inhalte, wobei im 16. Jahrhundert auch seriösere Themen aufkamen. «Der Nollhart» zählt zu einer Art Reihenspiel, bei dem Reden aneinandergereiht wurden, ohne dass eine dramatische Handlung entsteht. So führt das ernste Stück nacheinander den Papst, den Kaiser, den König von Frankreich, den Bischof von Mainz, den Pfalzgrafen, den Venezianer, den Türken, den Eidgenossen, den Landsknecht und den Juden zu Bruder Nollhart. Alle fragen nach ihrer Zukunft und erhalten eine Prophezeiung, bei der Nollhart von der heiligen Birgitta von Schweden, der cumäischen Sibylle und Bischof Methodius unterstützt wird. Silberysens konfessioneller Kommentar zwischen den Zeilen Warum nun erachtete Silberysen ein Fasnachtspiel, das fünfzig Jahre zuvor aufgeführt worden war, für so wichtig, dass er es eigens in seine Sammelhandschrift aufnahm? Im Zusammenhang mit den übrigen Texten der Sammlung wird deutlich, dass sich Silberysen für prophetische Stoffe interessierte: So befindet sich in der Handschrift auch eine Fassung der mittelalterlichen deutschen Sibyllenweissagung sowie Aufzeichnungen wunderlicher Ereignisse, wie sie auch in Wunderzeichenbüchern begegnen. Ihnen allen ist eine Ausrichtung auf die Endzeit gemeinsam – sie tragen apokalyptischen Charakter. Gengenbachs Spiel bleibt jedoch stark in seiner Entstehungszeit verankert, etwa im Gespräch mit dem Eidgenossen (bei Silberysen «Schwitzer» genannt), dem der Nollhart sechs Eigenschaften nennt, die jedes Land zerstören: Hoffart, Ungehorsamkeit, Neid, Leichtfertigkeit, Verzweiflung und Geiz. An Aktualität gewinnt die Abschrift durch das in der Vorlage nicht enthaltene Gespräch dreier Bauern, das Silberysen nach dem Dialog mit dem «Schwitzer» einbaut. Die Bauern beklagen, dass sich ihre Lage nach der Reformation entgegen ihrer Hoffnung verschlechtert habe – der neue Vogt kümmere sich nicht um ihre Bedürfnisse, die Abgaben seien höher als zuvor. Ob Silberysen hier das junge Zeitalter der Konfession kommentierte? Abrupter Abbruch Danach wird das Fastnachtsspiel zwar fortgesetzt, bricht aber beim Vers über die Ankunft von Henoch und Elias ab – obwohl in Gengenbachs Vorlage noch siebzehn Verse sowie die Entschuldigung des Dichters folgen würden. Ob dieser Abbruch endgültig war oder Silberysen den Text noch vervollständigen wollte, bleibt offen. Denn bei genauerem Hinschauen ist an dieser Stelle zu erkennen, dass der letzte Vers auffällig abgesetzt ist.
Das Bildprogramm der Handschrift Auch in der visuellen Gestaltung der Abschrift weicht Silberysen von seiner Vorlage ab. Gengenbachs Druck enthält 18 Holzschnitte, die die Dialoge illustrieren, wobei jeder Stand mindestens einmal dargestellt wird. In Silberysens Fassung ist dagegen bei jedem Sprecherwechsel eine kolorierte Federzeichnung zu sehen: links die sprechende, rechts die angesprochene Figur. Dabei begnügt sich der Illustrator nicht damit, jede Figur stets gleich darzustellen – vielmehr lassen sich bei jeder Abbildung Unterschiede entdecken, mal klein, mal augenfällig. So zeigen sich unterschiedliche Kleidungsstile der einzelnen Stände: Der König etwa erscheint einmal in höfischer Kleidung, in der folgenden Interaktion dagegen in Rüstung vor Bruder Nollhart. Diese Bildvielfalt lädt zum Blättern und genauen Betrachten der Figuren ein und macht zugleich deutlich, dass in diesem Stück nicht die einzelne Person angesprochen wird, sondern der jeweilige Stand als Ganzes. Am Übergang zwischen zwei Zeitaltern Silberysen erstellte seine Sammelhandschrift in einer Zeit, in der einerseits die Drucktechnologie schon weit verbreitet war, andererseits jedoch weiterhin Handschriften angefertigt wurden. Seine «Nollhart»-Abschrift steht für die Verflechtung von Handschrift und Druck zu dieser Zeit, womit er dem Fastnachtsspiel eine zweite, eigene Gestalt verleiht. Im Kloster Wettingen gab es nämlich zu diesem Zeitpunkt noch keine Druckerei – diese sollte erst rund ein Jahrhundert später eingebaut werden. Durch den Bauerneinschub individualisierte Silberysen das Stück und liess es so zu einem Kommentar zur eigenen Gegenwart werden; zu einem neuen Werk, das zum wiederholten Betrachten einlädt. Warum die Abschrift ausgerechnet an dieser Stelle abbricht, bleibt letztlich offen – und macht die Handschrift nicht weniger, sondern noch etwas spannender. Weiterlesen
Julie Dietsche ist seit dem Beginn ihres Studiums der Germanistik und Mediävistik an der Universität Fribourg von der vormodernen Handschriftenkultur fasziniert. In ihrer Masterarbeit befasst sie sich mit Christoph Silberysens Abschrift des «Nollhart» in der Wettinger Handschrift MsWettF 33.
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