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Das Ende der Klöster im Aargau kam 1841 schnell, aber nicht unerwartet. Im Kanton herrschte eine extreme Polarisierung. Auch im Dorf Wettingen war man sich wegen des Klosters spinnefeind. Luca Giannini «Stellen Sie einen Mönch in die grünen Augen des Paradieses, und so weit sein Schatten fällt, versengt er jedes Leben, wächst kein Gras mehr.» Es sind harte Worte, die am 13. Januar 1841 im Aargauer Grossen Rat fallen. Ihr Urheber ist Augustin Keller, der mit ihnen seinen Antrag zur Aufhebung der Aargauer Klöster bewarb. Die Zuschauer auf den Tribünen toben und applaudieren dem Redner begeistert. Die Episode zeigt: Auch wenn unsere Gegenwart von Populismus und Polarisierung geprägt ist, so sind es keine Neuerscheinungen. Schon vor 200 Jahren waren diese Phänomene an der Tagesordnung, auch in Wettingen. Novizen weg, Schule weg: Die Klöster dürfen immer weniger In den 1830er-Jahren zeigten sich immer mehr Spannungen in der aargauischen Gesellschaft, Hauptstreitpunkt war das Verhältnis von Staat und Kirche. Dabei rückten die Klöster stark in den Fokus. In dieser Situation betrat Augustin Keller die politische Bühne. Er stammte aus Sarmenstorf im Freiamt und war ein überzeugter Radikal-Liberaler. Seit 1834 amtierte er als Direktor des Aargauischen Lehrerseminars in Aarau, seit 1835 als Grossrat. Schul- und Kirchenpolitik waren seine Hauptthemen und so wurde er zu einem bekannten Vorkämpfer für eine staatliche Hoheit über die Kirche respektive gegen die Klöster. Ebendiese Klöster waren im Aargau seit 1835 stark eingeschränkt. Sie durften keine Novizen mehr aufnehmen, kamen unter staatliche Verwaltung und mussten ihre Schulen schliessen. Medial und politisch standen sie im Fokus der Radikal-Liberalen, so auch bei Kaspar Leonz Bruggisser, einem Mitstreiter Kellers, der sie als «Krebsschaden» bezeichnete. Diese Auseinandersetzungen bildeten das Vorspiel des Aargauer Klosterstreites. Polemische Predigten, Schlägereien und «dummdreiste Saufmönche» Von dieser aufgeheizten Stimmung blieb auch Wettingen nicht verschont. Seit Jahrhunderten war das Dorf mit dem Zisterzienserkloster eng verbunden. Es war ein bedeutender Arbeitgeber und ein Mönch amtierte jeweils als Ortspfarrer. Nun wurde das Verhältnis laufend schlechter. Konflikte zeigten sich zwischen dem äusserst konservativen Dorfpfarrer Pater Ludwig Oswald und seinen Anhängern einerseits sowie dem radikal-liberalen Gemeindeamman Bopp und seinen Unterstützern andererseits. 1832 gab es zur offiziellen Wettinger Gemeindeschule unter Lehrer Berz eine Ergänzung. Der junge Leonz Bopp gründete eine «Nachtschule». Diese war Pfarrer Oswald ein Dorn im Auge, was er in einer Predigt deutlich machte. In der Folge spaltete sich die Bevölkerung Wettingens. Pfarrertreue Einwohner stellten vor der Kirche zur Unterstützung ihres Seelsorgers eine Tanne auf. Radikale verwickelten die Bewacher des Baumes daraufhin in eine wüste Schlägerei. Es blieb aber nicht bei indirekten Angriffen auf Oswald und seine Mitmönche. Die Gegner verstopften zuerst den Klosterbach mit Mist, 1834 planten sie dann, das Kloster zu überfallen. Nur die Präsenz der vorgewarnten Polizei konnte dies verhindern. 1835 goss Pfarrer Oswald erneut Öl ins Feuer. Er weigerte sich, eine amtliche Proklamation zu verlesen. Das Bezirksgericht setzte ihn daraufhin ab. Die Spannungen im Dorf konnte auch sein Nachfolger Placidus Bumbacher nicht beheben. Parallel zur Entwicklung im Dorf war die Kluft zwischen Radikal-Liberalen und Konservativen im Aargau und sogar schweizweit immer grösser geworden. Es kursierten Schmähschriften und Verleumdungen. In einer Berner Zeitung wurde ein Wettinger Zisterzienser etwa als «dummdreister Saufmönch» beschimpft. Bis ins 20. Jahrhundert hinein: Die Folgen von 1841 wirken lange nach Gegen Ende der 1830er-Jahre beruhigten sich die Gemüter kurzfristig, doch ab 1840 gingen die Wogen wieder hoch. Auslöser war eine neue Aargauer Verfassung, die eine Mehrheit der stimmberechtigten Männer am 5. Januar 1841 annahm. In den katholischen Bezirken wurde die Vorlage allerdings haushoch verworfen. An einigen Orten, etwa im Freiamt und im unteren Aaretal kam es daraufhin zu Unruhen. Die Radikal-Liberalen machten dafür die Klöster verantwortlich. Nach Kellers Rede erfolgte ihre Aufhebung, die mit grosser Mehrheit beschlossen wurde. Das war der endgültige Auslöser des Aargauer Klosterstreites. Am Tag danach besetzten Baselbieter, Berner und Aargauer Truppen das Kloster Wettingen, Widerstand aus dem Dorf gab aber es erstaunlicherweise nicht. Dafür eilten aus Neuenhof, Spreitenbach und Dietikon Unterstützer des Klosters herbei. Angesichts der geschaffenen Tatsachen zogen sie jedoch schnell wieder ab. Am 28. Januar 1841 verliessen die meisten Mönche die Gebäude und begaben sich auf eine jahrelange Odyssee, als letzter Bewohner verabschiedete sich am 4. Februar der Stellvertreter des Abtes von den Klostermauern. 1854 fanden die Wettinger Zisterzienser in Mehrerau am Bodensee schliesslich eine neue Heimat. In die leeren Räume des Klosters aber zog das Aargauer Lehrerseminar ein, womit Wettingen für über 100 Jahre eine zentrale Institution des Kantons beheimatete. Dieser gewährte den Vertriebenen indes bis zu ihrem Tod Pensionen. Das zog sich hin: Der letzte Empfänger, Bruder Konstantin Lüthi, starb erst 1903, im hohen Alter von 99 Jahren. Weiterlesen:
Heinrich Staehelin: Geschichte des Kantons Aargau, Band 2, 1830-1885, Baden 1978 (V.a. die Kapitel «1831-1840» und «Die Krise des aargauischen Staatswesens 1840-41»). Anton Kottmann: Die Zisterzienserabtei Wettingen. Geschichte des Klosters Wettingen und der Abtei Wettingen-Mehrerau, Baden 1996. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Autor Luca Giannini studiert Geschichte und Germanistik und arbeitet nebenbei in einem Archiv. In seiner Masterarbeit setzt er sich mit der Aargauer Klostergeschichte im 19. Jahrhundert auseinander. Kommentare sind geschlossen.
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Januar 2026
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