Neue Klostergeschichte Wettingen
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Rückbesinnung auf die Ursprünge

9/9/2026

 
In der Barockzeit intensivierte sich in den Klöstern die Frömmigkeit. Auch Bernhard von Clairvaux wurde zu einem beliebten Thema in den Schriften der Wettinger Mönche. Das «Florilegium Sancti Bernardi» ist ein Zeugnis dieser Spiritualität.
von Luca Giannini
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Bernhard (links) ist in den Wettinger Büchern sehr präsent, hier in einer Sammelhandschrift aus der Zeit zwischen 1567 und 1589 mit Papst Eugen. Bild: Aargauer Kantonsbibliothek, MsWettF 33, S. 104.
​Bernhard, Bernhard und nochmals Bernhard. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde einer der bedeutendsten Zisterzienser zum zentralen Element der ordensinternen Frömmigkeit. Die Bezeichnung «Melifluus Pater Noster Bernardus» – auf Deutsch: «unser honigfliessender Vater Bernhard» – ist Ausdruck und Beispiel davon.
Bekannt ist die Barockzeit für ihre Volksfrömmigkeit, die sich etwa in Wallfahrten und Prozessionen äusserte. Aber nicht nur im breiten Volk, sondern auch in den Klöstern intensivierte sich die Frömmigkeit. Zeugnisse davon sind Gebets- und Andachtsbücher. Ein relativ spätes Zeugnis für diese «Bernhard-Spiritualität» ist das «Florilegium Sancti Bernardi»: eine zweibändige, alphabetisch geordnete Sammlung von Auszügen aus Bernhards Schriften. Die Stichworte führen von A wie «Abbas» (Abt) bis Z wie «Zelus» (Eifer). 
Wer war dieser Bernhard? 1090 in den burgundischen Adel geboren, trat er als junger Mann in Cîteaux ein, das Mutterkloster des Zisterzienserordens. Später wurde er Abt der neuen Niederlassung in Clairvaux, von wo aus er 68 weitere Klostergründungen förderte. Bernhard setzte sich für Reformen im Mönchtum ein, beteiligte sich an theologischen und politischen Streitigkeiten und hatte prägenden Einfluss auf das Abendland – eine rastlose Figur seiner Zeit, des europäischen Hochmittelalters. Kurz vor Weihnachten 1146 zog er durch unsere Region und übernachtete in Birmenstorf, wo er zwei kranke Frauen geheilt haben soll. 1153 starb Bernhard.

​Wettingen, ein Pilgerort – Getulius, ein Karrieremönch
Vermutlich war das «Florilegium» eine Art Lebensratgeber für Wettinger Zisterzienser. Entstanden sein dürfte die Sammlung in Wettingen zwischen 1740 und 1762. Der Schreiber ist Pater Getulius Kaufmann aus Baden (1720–1798). 18-jährig legte er seine Profess im Kloster Wettingen ab und nahm den Ordensnamen Getulius an. Damit knüpfte er an die barocke Tradition der zwei Wettinger Heiligen Marianus und Getulius an. Im 17. Jahrhundert standen Reliquien dieser frühchristlichen Märtyter aus Rom, auch Katakombenheilige genannt, hoch im Kurs. Zahlreiche Orte kamen durch die Vermittlung von Pilgern und Schweizergardisten zu diesen Heiligen. 
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Die Translation der Gebeine von Getulius und Marianus wurde zum Grossereignis. Im nördlichen Seitenschiff der Klosterkirche befindet sich bis heute ein Gemälde der Prozession. Bild: KDAG, Wet 003.
Das Kloster Wettingen erhielt 1652 die Gebeine von Getulius und Marianus. Das führte dazu, dass Wettingen zum Pilgerort wurde. Die Jahrhundertfeier der Translation wurde während zweier Tage unter anderem mit Prozessionen und einem Festspiel gefeiert.
Zum Zeitpunkt dieser Feier war der «Florilegium»-Schreiber Pater Getulius bereits fest ins Klosterleben integriert und engagiert. 21-jährig zum Priester geweiht, war er nur wenige Jahre «einfacher Mönch» geblieben und übernahm bald diverse Ämter, sowohl innerhalb des Klosters als auch auf Aussenstationen, etwa im Frauenkloster Frauenthal bei Zug.
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Rückbesinnung auf die Anfangszeit des Ordens
Neben seinen vielfältigen Aufgaben inner- und ausserhalb der Klostermauern fand Getulius aber auch die Zeit für wissenschaftlich-kompilatorische Arbeit im Geiste des barocken Katholizismus. Nicht nur Bernhard, auch Benedikt von Nursia, der Vater des abendländischen Mönchtums, trat damals vermehrt in den Mittelpunkt des Interesses. So entstanden im Kloster Wettingen mehrere Abschriften und Kommentare von dessen Mönchsregel.
Ganz zentral für die zeitgenössische Frömmigkeit des Ordens war das Element der Rückbesinnung – Bernhard und Benedikt waren so naheliegende Motive. Gewissermassen hatte die Beschäftigung mit Bernhard eine Parallele zu dessen Wirken selber: es ging damals wie jetzt um Erinnerung im Geiste der Tradition.
Neben Pater Getulius hatten sich einige Jahrzehnte zuvor die Wettinger Patres Anton Pöschung (1598–1653) und Joseph Meglinger (1634–1695) bereits mit dem hochmittelalterlichen Vorzeigemönch befasst. Letzterer war es, der das eingangs erwähnte Attribut des «Honigfliessenden» auf Bernhard anwandte und sich damit eines gängigen, schon im Alten Testament bekannten, Motivs bediente.
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Titel auf dem Buchrücken (links) sowie Ausschnitt (rechts) aus dem Florilegium Sancti Bernardi über Namen, Tätigkeiten, Gnade und Gaben von Engeln. Aargauer Kantonsbibliothek, MsWettF 29:1, Bild: Luca Giannini.
Bernhard-Frömmigkeit ohne Bernhard
Was erstaunen mag: Im «Florilegium» wird Bernhard nicht erwähnt, sondern seine Schriften kopiert und alphabetisch geordnet. Der Inhalt ist breit gestreut. Von kirchlichen Ämtern wie dem Bischof oder dem Abt über Sakramente, theologische Begriffe, biblische Figuren und Orte, einige wenige Heilige bis hin zu Stationen aus dem Leben Christi werden auf 1665 Seiten zahlreiche Aspekte der katholischen Religion behandelt.
Inwiefern das «Florilegium» von Getulius‘ Mitbrüdern und späteren Mönchsgenerationen bis zur Aufhebung 1841 gelesen und rezipiert wurde, ist unklar. Dafür ist es, durch seine Erhaltung und Aufbewahrung in der Aargauischen Kantonsbibliothek, ein eindrucksvoller Zeuge zisterziensischer Barock- und Bernhard-Frömmigkeit geworden.

Eine neue Zeit bricht an
Womöglich geriet Getulius den letzten Jahren seines Lebens in die Defensive: Aufklärerisch gesinnte Mönche kritisierten ihren Abt, dieser wollte von den neuen Ideen aber nichts wissen. Ob auch Getulius als dessen Sekretär in die Kritik kam, wissen wir nicht.
Anhänger der neuen Geistesströmungen wird er aber kaum gewesen sein. Als Wettingen 1792 die Auswirkungen der französischen Revolutionswirren zu spüren bekam, gehörte Pater Getulius nämlich nach wie vor zu den engsten Ratgebern des Abtes. Im April 1798 starb er 78-jährig als Senior der Abtei.
Weiterlesen
  • Aargauer Kantonsbibliothek AKB MsWettF 29:1 mit Beschrieb
  • Aargauer Kantonsbibliothek AKB MsWettF 29:2 mit Beschrieb
  • Anton Kottmann: Die Zisterzienserabtei Wettingen. Geschichte des Klosters Wettingen und der Abtei Wettingen-Mehrerau, Baden 1996 (V.a. das Kapitel «Die Barockzeit im Kloster Wettingen»).
  • Otto Mittler: Zur Durchreise des hl. Bernhard von Clairvaux vor 800 Jahren, in: Badener Neujahrsblätter 22 (1947), S. 42–46.
  • Ernst Tremp: Bernhard von Clairvaux, in: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 01.07.2002. 
Luca Giannini ist von der Aargauer Klostergeschichte angezogen: Er hat die Matura in der Kantonsschule im ehemaligen Kloster Wettingen absolviert, sein Geschichtsstudium an der Universität Zürich mit einer Arbeit über die Badener Kapuziner abgeschlossen. Aktuell arbeitet er als wissenschaftlicher Archivar bei docuteam in Dättwil.

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