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Wer ins Kloster eintreten wollte, musste erst einiges lernen. Einen Einblick in die Unterweisung der Novizen im Kloster Wettingen im 17. Jahrhundert gibt das Notizbuch des damaligen Anwärters Viktor Oswald. von Flurin Alder Wir schreiben das Jahr 1662. Ein 40-jähriger Wettinger Mönch spricht mit strenger Miene zu einer kleinen Gruppe junger Männer. Unter ihnen ist der 17-jährige Viktor Oswald aus Rapperswil. Aufmerksam hört er zu und schreibt fleissig Notizen in ein kleines Büchlein. Seit er vor einigen Wochen ins Kloster aufgenommen wurde, ist er Novize, also «auszubildender» Mönch in der «Probezeit». Der Eintritt ins Kloster hat Viktors Leben schlagartig verändert. Was er wann tut, ist streng vorgegeben. Er ist nun Teil einer Gemeinschaft und muss sich dieser unterordnen. Ausgebildet und erzogen werden er und die anderen Novizen von Johann Breni, dem Novizenmeister in Wettingen. Während eines Jahres bringt Pater Johann den Novizen bei, was es heisst, Mönch zu sein. Was von den Novizen erwartet wurde, können wird dem Notizbuch Viktor Oswalds entnehmen, das bis heute in der Kantonsbibliothek Aargau erhalten ist. Die Tugenden eines Mönchs von A bis Z Das Büchlein in Oswalds Hand trägt den Namen «Auxiliatrix virtutum», wörtlich übersetzt «Helferin der Tugenden». Es enthält Merksätze und kurze Ausführungen zu Tugenden und Pflichten eines Mönchs. Ein besonders schöner Ausschnitt ist das «Alphabetum religiosorum», das «Alphabet der Religiosen», also der Mönche. Es ist einem Druck Benedictus van Haeftens, eines wichtigen benediktinischen Autors der Zeit, entnommen. Dieses klösterliche Abecedarium besteht aus kurzen, in Versen angeordneten Merksätzen, die jeweils mit einem Buchstaben des Alphabets beginnen. Das letzte Wort jedes Satzes endet auf «-entia». Aufgrund dieser Endreime sind die Sätze sehr einprägsam. Die ersten drei Zeilen der insgesamt 22 Verse lauten folgendermassen: «Amato Dominum tota potentia./ Benefac omnibus, sine invidentia./ Cellamque inhabitans, ferva silentia.» Die Mönche sollten demnach den Herrn mit ganzer Kraft lieben, allen ohne Neid Gutes tun und sich beim Bewohnen ihrer Zellen in Schweigen üben. Die Verse dürfte sich Oswald allerdings gerade durch lautes Aussprechen eingeprägt haben. Leben für das Jenseits «Honora Praesules cum reverentia», «Ehre die Vorgesetzten mit Ehrfurcht» lautet eine weitere Vorschrift des Alphabets. Hierarchie war ein zentraler Aspekt des Klosterlebens. So schuldeten die Novizen gerade auch ihrem Meister Johann Breni Gehorsam. Das «Alphabetum religiosorum» ist kein komplexes, in sich geschlossenes Regelwerk. Vielmehr nennt es die wichtigsten Grundsätze und Tugenden, an denen sich ein Novize orientieren sollte. So heisst es auch, man solle «das Joch des Herrn mit Geduld» tragen. «Bete sehr oft, denke an das, was bevorsteht», lautet eine Aufforderung, «Gib das Wertlose, das schnell vergeht, auf» eine andere. Die Mönche sollten den irdischen Verlockungen entsagen und ihr Leben ganz auf das Jenseits ausrichten. Drei Tage in Folge ein Ja Doch wie wurde man überhaupt ins Kloster aufgenommen? Das Verfahren für die Aufnahme von Anwärtern ins Kloster war durch das «Gebräuchebuch der Zisterzienser», die «Ecclesiastica Officia», geregelt. Es gab vor, diejenigen, die in das Kloster eintreten wollten, erst vier Tage warten zu lassen. Falls die Person dann immer noch von ihrem Vorhaben überzeugt war, sollte man sie ins Kapitel, also zur Versammlung aller Ordensmitglieder, führen. Dort hatte sie sich vor dem Lesepult niederzuwerfen. Und dann fragte der Abt den Bittsteller, was er erbitte, woraufhin dieser antworten musste: «Misericordiam Dei et vestram», «die Barmherzigkeit Gottes und die eure». Daraufhin sollte er wieder aufstehen. Danach habe der Abt ihm «die Rauheit des Ordenslebens» zu erklären, um dessen Überzeugung zu testen. Sollte der Bittsteller weiterhin auf einer Aufnahme beharren, habe der Abt mit der Bitte zu schliessen, Gott möge in ihm vollenden, was er mit ihm begonnen habe, woraufhin die Gemeinschaft «Amen» spreche. Falls der Neuling auch jetzt noch bleiben wollte, sollte er wieder ins Gästehaus geführt werden. Das Prozedere sollte an den zwei darauffolgenden Tagen wiederholt werden. Falls er selbst nach dem dritten Tag noch bleiben wollte, wurde er in die Novizenzelle geführt. Leben in der Klostergemeinschaft Jetzt begann sein Probejahr. In dieser Zeit musste der Novize den gleichen Tagesablauf einhalten und die gleiche Nahrung zu sich nehmen wie alle anderen Mönche. Den monastischen Habit, das Gewand der Mönche, durfte er aber noch nicht anziehen. Stattdessen trug er einen langen Umhang. Auch die Tonsur, den Haarschnitt der Mönche, erhielt er erst bei der Mönchsweihe, nachdem er das Probejahr erfolgreich absolviert hatte. Novizen wie Viktor Oswald entsagten vollkommen den irdischen Verlockungen. Sie sollten sich nicht mehr von persönlichem Ehrgeiz, von ihren individuellen Wünschen und Begierden antreiben lassen. Ihr Leben war ganz auf die Gemeinschaft und letztlich auf den Dienst an Gott ausgerichtet. Diese Aufgabe der individuellen Freiheit mag – gerade aus heutiger Sicht – radikal scheinen. Diese besondere Form der Gemeinschaft, die sich durch Verzicht, Arbeit und Hingabe an den Glauben auszeichnet, übt auch heute noch eine Faszination aus, auch wenn in unseren Breitengraden nur noch wenige Klostereintritte zu verzeichnen sind. Harte Strafen und eingängige Merksprüche Doch was Oswald erleben sollte, war nicht nur Gemeinschaft und Harmonie. Das Noviziat war eine harte Schule. Bestrafungen in der Form physischer Gewalt waren beinahe an der Tagesordnung. So wurden Novizen regelmässig mit Ruten gezüchtigt oder mussten vor der «Schändsäule» knien, wie Anton Kottmann und Markus Hämmerle in ihrem Buch «Die Zisterzienserabtei Wettingen» schreiben. Die Unterrichtsmethoden wirken aus heutiger Sicht brutal und kaum mehr zeitgemäss. Zeitlos hingegen ist der Sinn eines kleinen Sprüchleins, das Viktor Oswald in seinem Buch notierte: «Qui legit, intelligat. / Qui intelligit, faciat. / Qui facit, perseveret.». Übersetzt: «Wer liest, der soll verstehen. / Wer versteht, der soll handeln. / Wer handelt, der soll bestehen.» Weiterlesen: Kottmann, Anton/ Hämmerle, Markus: Die Zisterzienserabtei Wettingen. Geschichte des Klosters Wettingen und der Abtei Wettingen-Mehrerau, Baden 1996. Tremp, Ernst: Zisterzienser, in: Historisches Lexikon der Schweiz. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Der Autor, Flurin Alder, studiert im Master Geschichte und Germanistik an der Universität Zürich, wobei er auch ein Austauschsemester an der Università Ca’ Foscari in Venedig absolvierte.
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März 2026
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