Neue Klostergeschichte Wettingen
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Fratzen im Chorgestühl

28/4/2026

 
Zwischen Heiligenfiguren und Engeln verbergen sich in der Mönchskirche Wettingen groteske Fratzen. Diese sogenannten Drolerien im Chorgestühl wirken auf den ersten Blick fehl am Platz. Doch gerade sie eröffnen einen ungewohnten Blick auf das Leben und Denken der Zisterzienser. ​
von Jana Kernen
Sie reissen die Münder weit auf, zeigen die Zähne, strecken die Zunge heraus und verdrehen die Augen gen Himmel: Die Fratzen im Chorgestühl befinden sich in dem Teil der Klosterkirche, zu dem nur die Mönche Zutritt hatten. Hier nahmen sie mehrmals täglich Platz, um gemeinsam zu beten und zu singen. Sieben Mal am Tag und einmal in der Nacht kamen hier die Mönche zusammen für das Stundengebet. 
Entstanden ist das Chorgestühl in Wettingen unter Abt Peter Schmid in den Jahren 1601 bis 1604. Es besteht aus fünfzig Plätzen in zwei abgewinkelten Doppelreihen. Wer genau die Schnitzereien in das Gestühl aus Eichenholz einarbeitete, lässt sich heute nicht mehr eindeutig sagen. Hinweise deuten auf mehrere beteiligten Handwerker hin. Nachweislich mitgearbeitet haben ein Tischler mit dem Vornamen Hans Jakob, ein Künstler mit den Initialen «GI», ein Bildhauer aus Württemberg und der Bildschnitzer Christoph Fünffe aus Waldshut. Das Chorgestühl ist also ein Gemeinschaftswerk verschiedener Werkstätten. 

Groteske Figuren im heiligen Raum
Neben Heiligenfiguren und Pflanzenornamenten befinden sich auch musizierende Tiere, Mischwesen, zum Schrei verzerrte Gesichter und andere Fantasiegestalten am Chorgestühl. Die teilweise gruseligen und grotesken Figuren wirken im ersten Moment fremd und widersprüchlich in einem Raum, der von Ordnung und Andacht geprägt ist. 
Warum finden sich solche Figuren ausgerechnet im sakralen Raum? Weshalb wurden sie nicht entfernt oder verhindert? Der Zisterzienserorden war eigentlich für ein Leben nach strengen Regeln, Abgeschiedenheit und Einfachheit bekannt.
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Ist Kunst gefährlich?
Der grosse Förderer des Zisterzienserordens Bernhard von Clairvaux gibt in seiner berühmten «Apologia» einen Einblick in das ursprüngliche Kunstverständnis der Zisterzienser. Er fragt rhetorisch: «Wozu dienen in den Klöstern, vor den Augen der lesenden Brüder, jene lächerlichen Missgeburten, eine auf wunderliche Art entstellte Schönheit und schöne Scheusslichkeit? Was bezwecken dort die unflätigen Affen, die wilden Löwen? Was die widernatürlichen Zentauren, die halbmenschlichen Wesen, die gefleckten Tiger? Was sollen die kämpfenden Krieger, die Jäger mit ihrem Horn?»
Bernhard sieht Kunst als Gefahr, da sich die Mönche von ihr verführen und ablenken lassen könnten. Trotzdem konnte sich ein Kunstverbot in den Kirchen nicht durchsetzen. Die Schnitzereien am Chorgestühl sind jedoch auch nicht ausschliesslich als Kunst zu betrachten. Die seltsam grotesken Figuren werden Drolerien genannt und erfüllen im sakralen Raum eine ganz bestimmte Aufgabe. 
Drollige Gesichter
Der Begriff «Drolerie» stammt vom französischen Begriff «drôle» ab und bedeutet so viel wie «drollig», «lustig» oder «merkwürdig». Drolerien können unterschiedlich aussehen: Sie zeigen Fantasiegestalten, Fabelwesen, Monster, Mischwesen oder Tiere, die menschliches Verhalten nachahmen. Charakterisierend für Drolerien ist denn auch weniger das Motiv als ihr Standort. Typischerweise findet man sie am Rande der Kunst. In der Buchmalerei zieren sie die Seitenränder, in Kirchen die Eingänge, Torbögen und Portale. Im Chorgestühl in Wettingen befinden sie sich vor allem an Vorsprüngen der Klappsitze des Chorgestühls – sogenannten Miserikordien.
Die Position der Drolerien ist kein Zufall. Die Drolerien entziehen sich einem flüchtigen ersten Blick. Sie sind nur für jene bestimmt, die sich regelmässig im Chorgestühl aufhalten. Damit richtet sich ihre Botschaft nicht an Besucherinnen und Besucher, sondern an die Mönche selbst.

Kleine Figuren erzielen grosse Wirkung
Die bewusste Platzierung im sakralen Raum erzeugt einen Kontrast zwischen den beiden Bildwelten in einer Kirche. So wird die Wirkung des Raums auf die Betrachtenden bewusst verstärkt: Während die Heiligenfiguren göttliche Nähe verkörpern, zeigen die Drolerien am Chorgestühl in Wettingen häufig sündhaftes Verhalten.
Wesen, die menschliche und tierische Elemente verbinden, verweisen auf Teile der Psyche: Die tierischen Elemente sollen das Animalische, Unkontrollierbare und Dämonische darstellen. Für die Mönche waren diese Figuren Teil des Alltags. Bei jedem Besuch im Chorgestühl wurden sie durch die Drolerien mit Versuchungen, Lockungen und der drohenden Gefahr des Dämonischen konfrontiert.
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Pflanzen aus den Ohren
Doch die Drolerien warnen nicht nur vor Sünde und Versuchung. Anders als die Mischwesen mahnen die teilweise als «Green-Man-Figuren» bezeichneten Drolerien zur Bescheidenheit und machen den Mönchen ihre eigene Sterblichkeit bewusst. Diesen Gesichtern wuchern Pflanzen aus Ohren, Mund und Nase. Die Natur-Elemente stehen für die eigene Endlichkeit und motivieren gleichzeitig zu einem gottesfürchtigen Leben.
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Eine Green-Man-Drolerie, platziert an einer Seitenwange des Chorgestühls in Wettingen. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.
​Die Forscherin Heidi Thimann schreibt zu den Drolerien, dass sie eine doppelte Funktion hätten:  «[…] one to amuse and the other to have a didactic purpose […]», also einen unterhaltenden und einen didaktischen Zweck. Im Fokus stand das Aufzeigen sündhaften oder «monströsen» Verhaltens, das durch die Betrachtung eines zentralen – sakralen – Bildes erkannt und überwunden werden sollte. So glaubte man, dass Sünde und Verdammnis an den Rändern lauerten, während im Zentrum Gnade und Erlösung zu finden waren.
 
Ein zweiter Blick lohnt sich
Die Botschaften der Drolerien waren explizit für die Zisterziensermöche gedacht. Heutigen Besucherinnen und Besucher bleiben sie in der Regel verschlossen. Dabei würden sie einen ungewohnten Zugang zur Klosterkirche Wettingen eröffnen: Sie zeigen, dass selbst in einem streng geregelten Leben nach Gottes Wort Platz für Menschlichkeit und Selbstreflexion war.
Wer sich beim nächsten Besuch Zeit nimmt und genauer hinschaut, entdeckt im Chorgestühl mehr als kunstvolle Schnitzereien. Die Drolerien erzählen von den Menschen, die einst dort lebten, beteten und arbeiteten, von ihren Werten und Vorstellungen.
Jana Kernen schliesst im Sommer 2026 die gymnasiale Matur an der Kantonsschule Wettingen ab. Sie hat ihre Maturaarbeit zu den Drolerien im Chorgestühl der Klosterkirche geschrieben. Dieser Artikel fasst ihre wichtigsten Befunde zusammen. Ab Herbst 2026 studiert sie Kunstgeschichte und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Zürich. Sie interessiert sich besonders für die Wechselwirkungen von Kunst, Kultur, Religion und Gesellschaft. 

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