Neue Klostergeschichte Wettingen
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Wo stand denn nun das «älteste Gasthaus der Schweiz»?

20/8/2026

 
Der Gasthof Sternen wirbt für sich als ältestes Gasthaus der Schweiz und soll auf die Mitte des 13. Jahrhunderts zurückgehen. Und es wird gemeinhin auch als «Schwestern- oder Weiberhaus» bezeichnet. Dass hier mehr Legende als Geschichte drinsteckt, soll der nachfolgende Text aufzeigen.
von Bruno Meier
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Die Pläne von Heinrich Murer aus dem Jahr 1635 und Johann Franz Strickler von 1710 (unten) benennen mehrere Gasthäuser oder Herbergen. Bild: Kantonsbibliothek Thurgau Y 115, 32r.
Gleich am Eingang der Klosterhalbinsel präsentiert sich ein markantes Riegelhaus, der Gasthof Sternen». Massgebend für die Geschichte der Bauten in und um das Kloster Wettingen sind nach wie vor die Untersuchungen von Peter Hoegger, publiziert im Kunstdenkmälerband im Jahr 1998. Er beschreibt den Standort des «Sternen» als eine halb sakrale, halb weltliche Zwischenzone, in der sich neben Konventualen und Bediensteten auch Gäste des Klosters bewegten.
Das heutige Haus wurde gemäss den Untersuchungen Hoeggers 1583/84 unter Abt Christoph Silberysen neu erstellt, wohl anstelle eines älteren Gebäudes, vielleicht einem Armenspital, und soll unter anderem als Logis von Laienschwestern, die Wäsche- und Hausarbeiten für das Kloster verrichteten, gedient haben. Deshalb der Name Schwestern- oder Weiberhaus, der in Quellen des 17. Jahrhunderts nachgewiesen ist. Es stand zu dieser Zeit direkt ausserhalb der Klosterpforte.
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Plan von Johann Franz Strickler von 1710. Bild: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung.
Der Murerplan von 1635 gibt Auskunft
Zu welchem Zeitpunkt der heutige «Sternen» zum Gasthaus wurde, ist nicht bekannt. Erstmals so benannt wird es auf dem Plan von Johann Heinrich Murer aus dem Jahr 1635, unter dem Buchstaben B als «Beide Gasthäuser» benannt. Es bestanden auf beiden Seiten des Torhauses offenbar zwei Gasthäuser, vielleicht eines für Männer, das andere für Frauen. Hoegger benennt das westlich gelegene als «jüngeres Gasthaus». Es ist heute abgebrochen. Den Namen Sternen erhielt das noch bestehende Haus erst 1857, 16 Jahre nach der Klosteraufhebung. Der Name wurde von der bestehenden Tavernenwirtschaft im Fahrhaus übernommen.
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Die beiden Ausschnitte aus dem Murerplan von 1635 zeigen das «Frauenhaus und Fahr» (Buchstabe K, linkes Bild, oben rechts) an der Limmat und «Beide Gasthäuser» (Buchstabe B, rechtes Bild, Bildmitte), im heutigen «Sternen» und, heute nicht mehr existent, beim Torhaus. Angebaut an das untere Gasthaus, den heutigen «Sternen», ist die St. Anna-Kapelle. Bild: Kantonsbibliothek Thurgau Y 115, 32r.
Ob vor 1583/84 am Standort des heutigen «Sternen» ein Gasthaus bestand, wissen wir nicht. Ein älteres Gasthaus, das vor dies Zeit zurückgeht, bestand aber im Fahrhaus an der Limmat. Der älteste Hinweis darauf stammt aus dem Jahr 1418. Das Fahrhaus war zeitweise in Privatbesitz, wurde aber 1644 vom Kloster zurückgekauft und 1695 unter Abt Basilius Reuti neu gebaut. Der Murerplan von 1635 bezeichnet mit dem Buchstaben K das «Frauenhaus und Fahr», unmittelbar an der Limmat oberhalb der Fähre gelegen. Das heisst wohl, dass die ursprüngliche Absteige für Frauen im Fahrhaus lag. Rund um das Fahrhaus entstanden dann im 18. Jahrhundert weitere Häuser, das Kanzler-, Doktor- und Zollhaus, die heute noch bestehen. Ausserhalb der Klausur bildeten diese Häuser ein kleines Ökonomiequartier.
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Zwei Herbergen auf der Klosterhalbinsel
Der Vogelschauplan von Johann Franz Strickler aus dem Jahr 1710 löst das Rätsel des ältesten Gasthauses auch nicht. Das Fahrhaus wird darauf als «Hospitium», als Herberge oder Gästehaus, bezeichnet. Der heutige «Sternen» wird hingegen als «Diversorium», ein weiteres Wort für Herberge oder Unterkunft, benannt, wie bei Murer 1635. Das heisst, dass beide Häuser wohl einem ähnlichen Zweck dienten. In einem «Diversorum» gab es in der Regel auch eine Taberna, also Verpflegung. 
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Auf dem Plan von Strickler von 1710 wird das Fahrhaus (Nummer 26, rechtes Bild) als «hospitium», Herberge, bezeichnet, der heutige «Sternen» (Nummer 2, linkes Bild) als «diversorium», ebenfalls Herberge. Das bei Murer erwähnte zweite Gasthaus wird als «Textrina», Weberei, bezeichnet. Bild: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung.
​Die Bauuntersuchungen am heutigen «Sternen» lassen vermuten, dass die nordöstliche Mauer aus der Bauzeit des Klosters stammt und Teil der wohl um 1230/1250 erstellten Schutzmauer des jungen Klosters war. Der «Sternen» geht also in seinen Fundamenten tatsächlich auf das 13. Jahrhundert zurück. Neben dem heutigen «Sternen» stand einst eine der heiligen Anna gewidmete Torkapelle, die zu Beginn des 19. Jahrhundert abgebrochen wurde. In der Regel waren St. Anna-Kapellen Krankenkapellen und so könnte vermutet werden, dass sich daneben eine Krankenunterkunft befand. Abbildungen und detaillierte Beschriebe des Klosters aus der Zeit vor 1600 fehlen. Ein Gasthaus dürfte zuerst eher im Fahrhaus direkt an der Limmat untergebracht gewesen sein. Mit Blick auf die Quellen lässt sich also der heutige «Sternen» nicht als das älteste Gasthaus bezeichnen.
 
Weiterlesen:
Hoegger, Peter: Die ehemalige Zisterzienserabtei Marisstella in Wettingen. Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau Band VIII, Der Bezirk Baden III. Basel 1998, 136–138, 273–275 und 384–387.

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