Neue Klostergeschichte Wettingen
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Ein ABC für die Mönchsanwärter

26/3/2026

 
Wer ins Kloster eintreten wollte, musste erst einiges lernen. Einen Einblick in die Unterweisung der Novizen im Kloster Wettingen im 17. Jahrhundert gibt das Notizbuch des damaligen Anwärters Viktor Oswald.
von Flurin Alder
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Angehende Novizen nutzten wie alle Mönche den Kreuzgang. Hier wurde immer geschwiegen – und beim Gang sicherlich Merksprüche eingeprägt. Bild: Ruth Wiederkehr.
​Wir schreiben das Jahr 1662. Ein 40-jähriger Wettinger Mönch spricht mit strenger Miene zu einer kleinen Gruppe junger Männer. Unter ihnen ist der 17-jährige Viktor Oswald aus Rapperswil. Aufmerksam hört er zu und schreibt fleissig Notizen in ein kleines Büchlein. Seit er vor einigen Wochen ins Kloster aufgenommen wurde, ist er Novize, also «auszubildender» Mönch in der «Probezeit».
Der Eintritt ins Kloster hat Viktors Leben schlagartig verändert. Was er wann tut, ist streng vorgegeben. Er ist nun Teil einer Gemeinschaft und muss sich dieser unterordnen. Ausgebildet und erzogen werden er und die anderen Novizen von Johann Breni, dem Novizenmeister in Wettingen. Während eines Jahres bringt Pater Johann den Novizen bei, was es heisst, Mönch zu sein. Was von den Novizen erwartet wurde, können wird dem Notizbuch Viktor Oswalds entnehmen, das bis heute in der Kantonsbibliothek Aargau erhalten ist.
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Die «Auxiliatrix virtutum» (AKB, MsWett 88) misst 15 × 9.5 Zentimeter und ist relativ klein und handlich. Bild: Flurin Alder.
Die Tugenden eines Mönchs von A bis Z
Das Büchlein in Oswalds Hand trägt den Namen «Auxiliatrix virtutum», wörtlich übersetzt «Helferin der Tugenden». Es enthält Merksätze und kurze Ausführungen zu Tugenden und Pflichten eines Mönchs. Ein besonders schöner Ausschnitt ist das «Alphabetum religiosorum», das «Alphabet der Religiosen», also der Mönche.
Es ist einem Druck Benedictus van Haeftens, eines wichtigen benediktinischen Autors der Zeit, entnommen. Dieses klösterliche Abecedarium besteht aus kurzen, in Versen angeordneten Merksätzen, die jeweils mit einem Buchstaben des Alphabets beginnen. Das letzte Wort jedes Satzes endet auf «-entia». Aufgrund dieser Endreime sind die Sätze sehr einprägsam.
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«Alphabetum religiosorum»: Buchstaben A-H, Auxiliatrix virtutum (AKB, MsWett 88). Bild: Flurin Alder.
Die ersten drei Zeilen der insgesamt 22 Verse lauten folgendermassen: «Amato Dominum tota potentia./ Benefac omnibus, sine invidentia./ Cellamque inhabitans, ferva silentia.» Die Mönche sollten demnach den Herrn mit ganzer Kraft lieben, allen ohne Neid Gutes tun und sich beim Bewohnen ihrer Zellen in Schweigen üben. Die Verse dürfte sich Oswald allerdings gerade durch lautes Aussprechen eingeprägt haben.
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Leben für das Jenseits
«Honora Praesules cum reverentia», «Ehre die Vorgesetzten mit Ehrfurcht» lautet eine weitere Vorschrift des Alphabets. Hierarchie war ein zentraler Aspekt des Klosterlebens. So schuldeten die Novizen gerade auch ihrem Meister Johann Breni Gehorsam. Das «Alphabetum religiosorum» ist kein komplexes, in sich geschlossenes Regelwerk. Vielmehr nennt es die wichtigsten Grundsätze und Tugenden, an denen sich ein Novize orientieren sollte.
So heisst es auch, man solle «das Joch des Herrn mit Geduld» tragen. «Bete sehr oft, denke an das, was bevorsteht», lautet eine Aufforderung, «Gib das Wertlose, das schnell vergeht, auf» eine andere. Die Mönche sollten den irdischen Verlockungen entsagen und ihr Leben ganz auf das Jenseits ausrichten.
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«Alphabetum religiosorum»: Buchstaben P-X, Auxiliatrix virtutum (AKB, MsWett 88). Bild: Flurin Alder.
Drei Tage in Folge ein Ja
Doch wie wurde man überhaupt ins Kloster aufgenommen? Das Verfahren für die Aufnahme von Anwärtern ins Kloster war durch das «Gebräuchebuch der Zisterzienser», die «Ecclesiastica Officia», geregelt. Es gab vor, diejenigen, die in das Kloster eintreten wollten, erst vier Tage warten zu lassen. Falls die Person dann immer noch von ihrem Vorhaben überzeugt war, sollte man sie ins Kapitel, also zur Versammlung aller Ordensmitglieder, führen. Dort hatte sie sich vor dem Lesepult niederzuwerfen.
Und dann fragte der Abt den Bittsteller, was er erbitte, woraufhin dieser antworten musste: «Misericordiam Dei et vestram», «die Barmherzigkeit Gottes und die eure». Daraufhin sollte er wieder aufstehen. Danach habe der Abt ihm «die Rauheit des Ordenslebens» zu erklären, um dessen Überzeugung zu testen. Sollte der Bittsteller weiterhin auf einer Aufnahme beharren, habe der Abt mit der Bitte zu schliessen, Gott möge in ihm vollenden, was er mit ihm begonnen habe, woraufhin die Gemeinschaft «Amen» spreche.
Falls der Neuling auch jetzt noch bleiben wollte, sollte er wieder ins Gästehaus geführt werden. Das Prozedere sollte an den zwei darauffolgenden Tagen wiederholt werden. Falls er selbst nach dem dritten Tag noch bleiben wollte, wurde er in die Novizenzelle geführt.

Leben in der Klostergemeinschaft
Jetzt begann sein Probejahr. In dieser Zeit musste der Novize den gleichen Tagesablauf einhalten und die gleiche Nahrung zu sich nehmen wie alle anderen Mönche. Den monastischen Habit, das Gewand der Mönche, durfte er aber noch nicht anziehen. Stattdessen trug er einen langen Umhang. Auch die Tonsur, den Haarschnitt der Mönche, erhielt er erst bei der Mönchsweihe, nachdem er das Probejahr erfolgreich absolviert hatte.
Novizen wie Viktor Oswald entsagten vollkommen den irdischen Verlockungen. Sie sollten sich nicht mehr von persönlichem Ehrgeiz, von ihren individuellen Wünschen und Begierden antreiben lassen. Ihr Leben war ganz auf die Gemeinschaft und letztlich auf den Dienst an Gott ausgerichtet. Diese Aufgabe der individuellen Freiheit mag – gerade aus heutiger Sicht – radikal scheinen. Diese besondere Form der Gemeinschaft, die sich durch Verzicht, Arbeit und Hingabe an den Glauben auszeichnet, übt auch heute noch eine Faszination aus, auch wenn in unseren Breitengraden nur noch wenige Klostereintritte zu verzeichnen sind.

Harte Strafen und eingängige Merksprüche
Doch was Oswald erleben sollte, war nicht nur Gemeinschaft und Harmonie. Das Noviziat war eine harte Schule. Bestrafungen in der Form physischer Gewalt waren beinahe an der Tagesordnung. So wurden Novizen regelmässig mit Ruten gezüchtigt oder mussten vor der «Schändsäule» knien, wie Anton Kottmann und Markus Hämmerle in ihrem Buch «Die Zisterzienserabtei Wettingen» schreiben. Die Unterrichtsmethoden wirken aus heutiger Sicht brutal und kaum mehr zeitgemäss. Zeitlos hingegen ist der Sinn eines kleinen Sprüchleins, das Viktor Oswald in seinem Buch notierte: «Qui legit, intelligat. / Qui intelligit, faciat. / Qui facit, perseveret.». Übersetzt: «Wer liest, der soll verstehen. / Wer versteht, der soll handeln. / Wer handelt, der soll bestehen.»
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Ein Merkspruch für einen Novizen im Notizbuch mit der Signatur MsWett 88 in der Kantonsbibliothek Aargau. Bild: Flurin Alder.
Weiterlesen: ​
​Kottmann, Anton/ Hämmerle, Markus: Die Zisterzienserabtei Wettingen. Geschichte des Klosters Wettingen und der Abtei Wettingen-Mehrerau, Baden 1996.
Tremp, Ernst: Zisterzienser, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Der Autor, Flurin Alder, studiert im Master Geschichte und Germanistik an der Universität Zürich, wobei er auch ein Austauschsemester an der Università Ca’ Foscari in Venedig absolvierte.

Saufende und johlende Mönche

25/2/2026

 
Karikaturen aus dem Aargauer Klosterstreit stellten die Mönche von Wettingen als trinkfreudige Scheinheilige dar. Die Bilder dienten nicht nur der Belustigung, sondern verfolgten ein klares Ziel: die Delegitimierung kirchlicher und moralischer Autorität. 
Flaka Emra
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Satirische Darstellung der militärischen Besetzung der aargauischen Klöster im Januar 1841: Die Karikatur inszeniert das Aufeinandertreffen von Soldaten und Mönchen als ausgelassenes Trink- und Festgelage im Zeichen der Klosteraufhebung. Bild: Gukkasten, 15. April 1841, Zentralbibliothek Zürich.
Bern, April 1841: In den Kaffeehäusern der Stadt herrscht dichtes Treiben. Zwischen dampfenden Kaffeetassen, politischen Stammtischen und hitzigen Wortgefechten sorgt eine neue Ausgabe des Gukkasten für Aufsehen. Die radikal-liberale Satirezeitschrift, bekannt für ihre antiklerikalen Karikaturen, erweckt mit einer einzigen Illustration besonders viel Aufmerksamkeit. «Erinnerungen aus dem Aargau 1841» steht schlicht über dem Bild, doch was die Betrachterinnen und Betrachter zu sehen bekommen, ist geradezu skandalös. 
Zu sehen ist ein Fest in wohl klösterlichen Mauern, wo Mönche und Soldaten dicht gedrängt feiern. Der Wein fliesst in Strömen. Es wird gelacht, getanzt und gerauft. Einer der Mönche taumelt am Rand der Szene und übergibt sich im Kreuzgang. Das Kreuz bleibt stumm über dem Treiben hängen – ein unbewegter Zeuge inmitten der Zügellosigkeit.

Kellers Kampfrede wird zum Bild 
Während Einkehrende in Kaffeehäusern über die neuste Karikatur im Gukkasten lachten, spitze sich ein politischer Machtkampf zu, der das ganze Land erfasste. Die Aufhebung der Aargauer Klöster widersprach dem Bundesvertrag von 1815, der den Schutz der Klöster garantierte. Die Auseinandersetzungen über den Klosterstreit führten zum letzten Krieg auf Schweizer Boden – dem Sonderbundskrieg – und schliesslich 1848 zur Gründung des neuen Bundesstaats. ​
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Augustin Keller, Aargauer Grossrat und führender Vorkämpfer der Klosteraufhebung von 1841. Holzstich aus «Die Gartenlaube», Leipzig 1872, S. 305.
Einer, der diese politischen Entwicklungen massgeblich prägte, war der Aargauer Politiker Augustin Keller. Im Grossen Rat rief er: «Es sind die Klöster», und zeichnete das Bild eines Standes, der selbst im Paradies alles Leben ersticke. Als Beispiel führte er einen tragischen Fall an: Ein im  Jugendalter im Kloster Wettingen sexuell missbrauchter Mann habe aufgrund dieser Erfahrungen seine Kinder ermordet und darauf Suizid begangen – für Keller ein Beweis für den moralischen Verfall in den Klöstern. Er stellte die Frage, ob eine christliche Regierung solche Orte dulden könne, und lieferte die Antwort gleich mit: Nur wenn sie noch verdorbener sei als die Klöster selbst.
Bildliche Munition im Kulturkampf 
Die Karikatur im Gukkasten griff diese Zuspitzung auf. Sie zeigte Mönche im Rausch, feiernd mit Soldaten. Tatsächlich waren in den Klöstern von Wettingen und Muri Soldaten stationiert. Berichte über dortige Trinkgelage lieferten wohl die Vorlage. Die Kutten aber passten weder zu den Zisterziensern von Wettingen noch zu den Benediktinern von Muri. Karikaturist Heinrich von Arx zeichnete Kapuziner, Ordensgeistliche, die damals eher in der Öffentlichkeit sichtbar waren. Ihre Zeichnung zeigte keine Realität, sondern ein politisches Bild, das Kellers Worte zum Leben erweckte.
 
Zwischen Wirklichkeit und Wunschbild 
Die Karikatur lässt den Eindruck entstehen, als hätten sich Mönche und Soldaten beim Fall der Klöster gemeinsam dem Rausch hingegeben, als wären Mönche über den Aufhebungsbeschluss ebenfalls in Feierlaune geraten. Die zeitgenössischen Quellen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Oberst Friedrich Frey-Herosé berichtet, wie in Muri seine Soldaten die Weinkeller plünderten, betrunken durch das Kloster taumelten, Güter beschädigten und die Mönche beim Gebet störten. Von einem Fest findet sich jedoch kein Hinweis.
Anders beschrieb Frey-Herosé die Szene in Wettingen: Die Mönche seien dicht gedrängt im Refektorium gestanden, hustend, spuckend, räuspernd und manche sogar mit einem leichten Lächeln. Von Schmerz, wie er ihn in Muri gesehen habe, keine Spur. Und doch berichtete ein Soldat aus Baselland von einer Nacht im Kloster Wettingen mit Champagner, Malaga, Johannisberger und Tanz – ganz so, wie es die Karikatur genüsslich vor Augen führt.
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Titelblatt der Aargauischen Klostersuppe, erschienen kurz nach der Klosteraufhebung 1841. Die Mönche wurden hier gerne als lasterhafte, verkommene Männer dargestellt. Aargauische Klostersuppe, eingebrockt von einer gefühlvollen Seele. Bern: [Verlag nicht ermittelbar], 1841.
​Karikaturen beeinflussen die Meinungsbildung 
«Erinnerungen aus dem Aargau 1841» - schlicht im Titel, durchschlagend in der Wirkung. Doch wessen Erinnerungen werden hier eigentlich gezeigt? Nicht die der betroffenen Klosterbewohner, sondern die der radikal-liberalen Bewegung, zugespitzt im Gukkasten von Samuel Friedrich Jenni. Im selben Jahr servierte Jenni auch die «Aargauische Klostersuppe» – eine bissige Schrift, in der die Mönche als verkommene, lasterhafte Männer verspottet werden.
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1842 veröffentlichte der Gukkasten eine Karikatur mit Kapuzinern beim Saufgelage. Bild: Gukkasten, 25. Mai 1842, Zentralbibliothek Zürich.
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Die Karikatur von Martin Disteli im Schweizer Bildkalender 1842 stilisiert den Klosterauszug als freudigen Abschied unter militärischer Begleitung. Bild: Schweizer Bilderkalender 1842 (Januar), Zentralbibliothek Zürich.
Die Karikatur war Teil einer politischen Kampagne, die längst nicht mehr nur im Grossen Rat geführt wurde. Nach Ende der Zensur 1830 blühte die Presse auf. Doch sie blieb nicht «neutral». Die Presse war eine Gesinnungspresse, und somit Sprachrohr der Politik. Sie bezog klare Stellung. Sie kämpfte nicht mit Argumenten, sondern mit Bildern, die den Gegner lächerlich machten. Zwischen 1840 und 1842 radikalisierte sich der Ton. Der Kampf gegen die Klöster verlagerte sich von den politischen Gremien auf die Titelseiten der Presse, auf Flugblätter und in zahllose Broschüren. Was Worte allein nicht erreichen konnten, sagten die Bilder. Verleger Jenni traf damit den Nerv der Zeit. Mit jeder Karikatur schärfte er das Feindbild des lasterhaften Klerus weiter. Nicht nur das bekannte Gelage mit Wein und Tanz prägte sich ein. Auch andere Bilder zeigten immer das gleiche: trinkende Mönche, freudige Klosterbewohner auf dem Abzug, der erbitterte Kampf zwischen Liberalismus und katholischer Tradition.
Karikaturen verdichteten so den politischen Streit zu einer einfachen, emotionalen Szene, die hängen blieb. So nahm «Erinnerungen aus dem Aargau 1841» Einfluss darauf, was am Ende gesehen, gedacht und erinnert wurde. 
Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich.
Flaka Emra studiert Kommunikationswissenschaft und Geschichte an der Universität Zürich. Sie interessiert sich besonders für die Frage, wie sich historische Perspektiven mit aktuellen gesellschaftlichen Themen verknüpfen lassen – und wie Geschichte durch zeitgemässe Kommunikation neu erzählt und lebendig vermittelt werden kann.

Eskalation in Wettingen

13/1/2026

 
Das Ende der Klöster im Aargau kam 1841 schnell, aber nicht unerwartet. Im Kanton herrschte eine extreme Polarisierung. Auch im Dorf Wettingen war man sich wegen des Klosters spinnefeind.
Luca Giannini
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Der Aargauer Klosterstreit wurde auch mit zahlreichen polemischen Karikaturen ausgetragen. Der Kanton ist als edler Ritter idealisiert, der Mönch dagegen als unheilvolle Figur dargestellt. Bild: Gukkasten, 25. März 1841, Zentralbibliothek Zürich, KK-3006-3009.
«Stellen Sie einen Mönch in die grünen Augen des Paradieses, und so weit sein Schatten fällt, versengt er jedes Leben, wächst kein Gras mehr.» Es sind harte Worte, die am 13. Januar 1841 im Aargauer Grossen Rat fallen. Ihr Urheber ist Augustin Keller, der mit ihnen seinen Antrag zur Aufhebung der Aargauer Klöster bewarb. Die Zuschauer auf den Tribünen toben und applaudieren dem Redner begeistert. Die Episode zeigt: Auch wenn unsere Gegenwart von Populismus und Polarisierung geprägt ist, so sind es keine Neuerscheinungen. Schon vor 200 Jahren waren diese Phänomene an der Tagesordnung, auch in Wettingen.

Novizen weg, Schule weg: Die Klöster dürfen immer weniger  
In den 1830er-Jahren zeigten sich immer mehr Spannungen in der aargauischen Gesellschaft, Hauptstreitpunkt war das Verhältnis von Staat und Kirche. Dabei rückten die Klöster stark in den Fokus. In dieser Situation betrat Augustin Keller die politische Bühne. Er stammte aus Sarmenstorf im Freiamt und war ein überzeugter Radikal-Liberaler. Seit 1834 amtierte er als Direktor des Aargauischen Lehrerseminars in Aarau, seit 1835 als Grossrat. Schul- und Kirchenpolitik waren seine Hauptthemen und so wurde er zu einem bekannten Vorkämpfer für eine staatliche Hoheit über die Kirche respektive gegen die Klöster.
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Ebendiese Klöster waren im Aargau seit 1835 stark eingeschränkt. Sie durften keine Novizen mehr aufnehmen, kamen unter staatliche Verwaltung und mussten ihre Schulen schliessen. Medial und politisch standen sie im Fokus der Radikal-Liberalen, so auch bei Kaspar Leonz Bruggisser, einem Mitstreiter Kellers, der sie als «Krebsschaden» bezeichnete. Diese Auseinandersetzungen bildeten das Vorspiel des Aargauer Klosterstreites.
Polemische Predigten, Schlägereien und «dummdreiste Saufmönche»
Von dieser aufgeheizten Stimmung blieb auch Wettingen nicht verschont. Seit Jahrhunderten war das Dorf mit dem Zisterzienserkloster eng verbunden. Es war ein bedeutender Arbeitgeber und ein Mönch amtierte jeweils als Ortspfarrer. Nun wurde das Verhältnis laufend schlechter. Konflikte zeigten sich zwischen dem äusserst konservativen Dorfpfarrer Pater Ludwig Oswald und seinen Anhängern einerseits sowie dem radikal-liberalen Gemeindeamman Bopp und seinen Unterstützern andererseits.
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1832 gab es zur offiziellen Wettinger Gemeindeschule unter Lehrer Berz eine Ergänzung. Der junge Leonz Bopp gründete eine «Nachtschule». Diese war Pfarrer Oswald ein Dorn im Auge, was er in einer Predigt deutlich machte. In der Folge spaltete sich die Bevölkerung Wettingens. Pfarrertreue Einwohner stellten vor der Kirche zur Unterstützung ihres Seelsorgers eine Tanne auf. Radikale verwickelten die Bewacher des Baumes daraufhin in eine wüste Schlägerei. Es blieb aber nicht bei indirekten Angriffen auf Oswald und seine Mitmönche. Die Gegner verstopften zuerst den Klosterbach mit Mist, 1834 planten sie dann, das Kloster zu überfallen. Nur die Präsenz der vorgewarnten Polizei konnte dies verhindern.
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Das Dorf Wettingen um 1889 – in der Mitte sieht man die Dorfkirche, an der Pfarrer Oswald wirkte. An ihrer Stelle liegt heute der alte Friedhof. Bild: Historisches Museum Baden, Fotohaus Zipser, Q.12.1.461.

​1835 goss Pfarrer Oswald erneut Öl ins Feuer. Er weigerte sich, eine amtliche Proklamation zu verlesen. Das Bezirksgericht setzte ihn daraufhin ab. Die Spannungen im Dorf konnte auch sein Nachfolger Placidus Bumbacher nicht beheben. Parallel zur Entwicklung im Dorf war die Kluft zwischen Radikal-Liberalen und Konservativen im Aargau und sogar schweizweit immer grösser geworden. Es kursierten Schmähschriften und Verleumdungen. In einer Berner Zeitung wurde ein Wettinger Zisterzienser etwa als «dummdreister Saufmönch» beschimpft.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein: Die Folgen von 1841 wirken lange nach
Gegen Ende der 1830er-Jahre beruhigten sich die Gemüter kurzfristig, doch ab 1840 gingen die Wogen wieder hoch. Auslöser war eine neue Aargauer Verfassung, die eine Mehrheit der stimmberechtigten Männer am 5. Januar 1841 annahm. In den katholischen Bezirken wurde die Vorlage allerdings haushoch verworfen. An einigen Orten, etwa im Freiamt und im unteren Aaretal kam es daraufhin zu Unruhen. Die Radikal-Liberalen machten dafür die Klöster verantwortlich. Nach Kellers Rede erfolgte ihre Aufhebung, die mit grosser Mehrheit beschlossen wurde. Das war der endgültige Auslöser des Aargauer Klosterstreites.
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Am Tag danach besetzten Baselbieter, Berner und Aargauer Truppen das Kloster Wettingen, Widerstand aus dem Dorf gab aber es erstaunlicherweise nicht. Dafür eilten aus Neuenhof, Spreitenbach und Dietikon Unterstützer des Klosters herbei. Angesichts der geschaffenen Tatsachen zogen sie jedoch schnell wieder ab. Am 28. Januar 1841 verliessen die meisten Mönche die Gebäude und begaben sich auf eine jahrelange Odyssee, als letzter Bewohner verabschiedete sich am 4. Februar der Stellvertreter des Abtes von den Klostermauern.
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Das Kloster Wettingen im 19. Jahrhundert – Radierung von J.U. Fitzi, undatiert. Bild: Schweizerische Nationalbibliothek, GS-GRAF-ANSI-AG-63.

​1854 fanden die Wettinger Zisterzienser in Mehrerau am Bodensee schliesslich eine neue Heimat. In die leeren Räume des Klosters aber zog das Aargauer Lehrerseminar ein, womit Wettingen für über 100 Jahre eine zentrale Institution des Kantons beheimatete. Dieser gewährte den Vertriebenen indes bis zu ihrem Tod Pensionen. Das zog sich hin: Der letzte Empfänger, Bruder Konstantin Lüthi, starb erst 1903, im hohen Alter von 99 Jahren.
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Weiterlesen: 
Heinrich Staehelin: Geschichte des Kantons Aargau, Band 2, 1830-1885, Baden 1978 (V.a. die Kapitel «1831-1840» und «Die Krise des aargauischen Staatswesens 1840-41»).
Anton Kottmann: Die Zisterzienserabtei Wettingen. Geschichte des Klosters Wettingen und der Abtei Wettingen-Mehrerau, Baden 1996.


Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums ​«Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln​» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Autor Luca Giannini studiert Geschichte und Germanistik und arbeitet nebenbei in einem Archiv. In seiner Masterarbeit setzt er sich mit der Aargauer Klostergeschichte im 19. Jahrhundert auseinander. 

Ein begeisterter Schreiber und sein Kalender

28/11/2025

 
Im Jahr 1661 legte ein besonders produktiver Schreiber im Kloster Wettingen sein Gelübde ab: Wilhelm von Reding. Trotz gesundheitlichen Problemen verfasste er über fünfzig Schriften. Darunter befindet sich auch ein kleiner, unscheinbarer Heiligenkalender.
von Natalie von Riedmatten
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Hier entstand der Heiligenkalender von Wilhelm von Reding. Blick aufs Kloster Wettingen um 1700. Bild: StAAG, GS 00313-1.
Die Feder kratzt über das Papier. Sie hinterlässt kleine, geschwungene Buchstaben, die nach und nach ein Zitat des heiligen Bernhard von Clairvaux formen. Wilhelm von Reding, der Mann, der hier gerade im Schreiben begriffen ist, lächelt, als er eine Seite vollendet. Gleich wendet er sich der nächsten Seite zu, doch plötzlich beginnt seine Hand zu zittern. Die Feder lässt sich nicht mehr richtig kontrollieren.
Aber von Reding möchte noch nicht aufgeben, schreibt langsam weiter und kämpft sich Wort für Wort vor, bis es nicht mehr geht. Er bricht ab. Die Zeile ist geschrieben, aber die krakeligen Buchstaben kleben zu eng aneinander. Er seufzt. Heute hat er mehr gemacht, als seine Gesundheit und Kräfte hergeben. 
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An manchen Stellen wirkt die Schrift zittrig: von Redings Calendarium Sanctorum. Alle Bilder: AKB, MsWett 16, Fotos Natalie von Riedmatten.
Heilige Begleitung durchs Jahr
So oder ähnlich wird es vielleicht ausgesehen haben, als Wilhelm von Reding im Jahr 1667 im Kloster Wettingen an seinem «Calendarium sanctorum ac Beatorii Ordinis Cisterciensis» schrieb. Wie es der Name bereits vermuten lässt, handelt es sich um einen Kalender. Er misst etwa 14 auf 7 auf 4 Zentimeter, ist also schön handlich. Jeder Tag ist gleich aufgebaut und einem Heiligen gewidmet, selten sind es auch zwei. 
Dabei handelt es sich immer um zisterziensische Heilige und Selige. Am 25. April zum Beispiel wird der «Sancta Franca Virgo» gedacht, Äbtissin des Zisterzienserinnenklosters in Piacenza. Am 22. Juli «Beatus Godefrid», einem französischen Mönch. Am 11. Oktober «Beatus Rodericus», dem Novizen, also «Mönchsanwärter», eines spanischen Klosters. 
Von antiken Märtyrern zu Wundertätigen
Heiligenverehrung spielte und spielt eine wichtige Rolle im Katholizismus. Sie geht auf die Spätantike zurück, als Christen für das Festhalten an ihrer Religion hingerichtet werden konnten. Um diese Märtyrer rankten sich schon bald viele Geschichten, sie wurden für die Gläubigen zu Vorbildern. Nachdem das Christentum nicht mehr verfolgt wurde und sogar eine anerkannte Religion war, rückte die Wundertätigkeit von Heiligen in den Fokus.
Unter all den Heiligen in von Redings Calendarium sticht besonders Bernhard von Clairvaux hervor. Jeder Tag im Kalender wird mit einem seiner Zitate abgeschlossen. Das hat mit dem Orden zu tun, dem von Reding angehörte: den Zisterziensern. Unter Bernhard von Clairvaux blühte zu Beginn des 12. Jahrhunderts Cîteaux, das erste Zisterzienserkloster, auf. Bald entstanden in ganz Europa Ableger und neue Klöster des Ordens. Die Zisterzienser lebten überall nach denselben Regeln und stellten ein einfaches Leben und ihre Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Deshalb sind auch alle Heilige des Kalendariums Zisterzienser.
Adelsspross mit gesundheitlichen Problemen
Wilhelm von Reding stammte aus der Familie der Redings von Biberegg. Der Historiker und Handschriftenbearbeiter Ruedi Gamper hat sich intensiv mit seiner Biografie beschäftigt. Er sagt: «Als Spross einer bekannten adligen Familie aus der Innerschweiz hätte er wohl Karriere machen sollen.» 
Ein Adliger nämlich wurde normalerweise kein einfaches Ordensmitglied, sondern Abt, also Vorsteher eines Klosters. Aber Wilhelm von Redings Gesundheitszustand liess das nicht zu. Er war Bluter – eigentlich ein Hindernis für ein Leben im Kloster. Seine Familie konnte jedoch ein ärztliches Attest vorweisen, das ihm die Eintrittsfähigkeit bescheinigte. So feierte der Adelsspross im Jahr 1661 seine Profess, das Ablegen des Ordensgelübdes. Aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme wurde von Reding aber nie auf ein Amt im Kloster eingeteilt.
Der erste Band der Schweizergeschichte Wilhelm von Redings von 1689 enthält ein Aquarell, das die Enstehung der Eidgenossenschaft darstellt. Bild: Aargauer Kantonsbibliothek, MsWettF 31.1 (Foto: Rudolf Gamper).  Mehr Informationen zum Werk gibt es auf Swisscollections.
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Katholisches Geschichtsbuch aus Wettingen
Wilhelm von Reding lebte danach bis zu seinem Tod 1701 vierzig Jahre lang als Mönch im Kloster Wettingen und widmete sich vor allem einer Tätigkeit: dem Schreiben, seiner grossen Leidenschaft. Dabei war er äusserst produktiv und verfasste neben dem Kalendarium noch etwa fünfzig andere Werke.
Eines davon ist eine Schweizer Chronik aus dezidiert katholischer Sicht, um der reformierten Geschichtsschreibung etwas entgegenzusetzen. «Wilhelm von Reding erstellte aber kein eigenständiges Geschichtswerk, viel mehr kompilierte er, was er an anderer Stelle fand», sagt Gamper. «Seine Schriften waren nicht von grossem Wert und wurden nach seinem Tod wahrscheinlich aus Pietät weiter im Kloster aufbewahrt.»
 
Was die Zeit überdauert
Handelt es sich bei Wilhelm von Reding also um eine tragische Gestalt, von der Nachwelt unbeachtet? «Sein familiärer Hintergrund und die damit verbundenen Möglichkeiten haben verhindert, dass aus ihm eine tragische Gestalt wurde», meint Historiker Gamper. Beim Calendarium sei es gut möglich, dass von Reding es rein für den persönlichen Gebrauch anfertigte. Seine Chronik hingegen erreichte nie den Stellenwert, den der Verfasser sich wahrscheinlich erträumt hatte.
Aber Wilhelm von Reding hat geschrieben – und das ist wohl der Grund, warum wir ihn heute noch fassen und einer einzigartigen Biografie nachgehen können.

Weiterlesen:
  • Stiftsbibliothek St. Gallen (Hg.): Verrückte Geschichten. Heilige und ihre Legenden, Basel 2024.
  • Tremp, Ernst: Bernhard von Clairvaux, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Tremp, Ernst: Zisterzienser, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Willi, Dominicus: Album Wettingense. Verzeichnis der Mitglieder des exemten und konsistorialen Cistercienser-Stiftes B.V.M. de Maristella zu Wettingen-Mehrerau 1227– 1904, Limburg a. d. Lahn 1904.
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Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Die Autorin, Natalie von Riedmatten, studiert Geschichte und Wissenschaftsphilosophie. Neben dem Studium macht sie in ihrer Heimatstadt Winterthur historische Führungen.
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Kloster wird zur Kaserne

3/11/2025

 
Die Französische Invasion von 1798 in Wettingen war gewaltsam. Ein Bericht des Klosterverwalters lässt heute noch erleben, wie «Flucht und Schrecken» in Wettingen Einzug hielten.
von Jaro Kerschbaum
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Blick über die Limmat zum Kloster Wettingen, dem Zollhaus, dem dahinter liegenden Kanzlerhaus und der 1767 errichteten Brücke. Die von Hans Ulrich Grubenmann erbaute Holzbrücke wurde 1799 von französischen Soldaten angezündet und brannte ab. Zeichnung von Johann Balthasar Bullinger um 1770. (Bild: Zentralbibliothek Zürich, ZEI 5.32)
Die Glocken läuten und von der Kantonsschule strömen Schüler und Schülerinnen heraus und machen sich schwatzend auf den Heimweg. Ein schöner Nachmittag in Wettingen im Sommer, die Sonne scheint, es ist angenehm draussen. Vermutlich war das Wetter ähnlich im Frühling 1798, an den sich der Klosterverwalter Benedikt Geygis Jahre später in einer Schrift erinnerte. Die politische Lage allerdings war ganz anders: «Bei dem schönsten Wetter arbeitete niemand», schreibt er. Niemand sei vor «Furcht und Schrecken auf den Strassen» gewesen. Wettingen befand sich in jenem März 1798 im Zentrum von Kriegswirren.
Krieg kommt nach Wettingen 
Nach der Französischen Revolution kam es auch in der Schweiz zu Umstürzen, bei denen die Alte Eidgenossenschaft kollabierte und die Helvetische Republik ausgerufen wurde. Anschliessend war die Schweiz in den Koalitionskriegen das Schlachtfeld von Franzosen, Österreichern und Russen. Wettingen befand sich mitten in diesem Gefecht.
​Das Zisterzienserkloster lag an der Kreuzung von zwei Verkehrsachsen und neben einer zentralen Limmatbrücke, weshalb es eine wichtige Rolle einnahm. Wie das Kloster und seine Einwohner und Einwohnerinnen dabei in Mitleidenschaft gezogen wurden, will Benedikt Geygis in seiner «Geschichte des Gotteshauses Wettingen in der Revolution» zeigen. Sein Bericht erlaubt uns einen spannenden Einblick in die Vergangenheit und eine Sicht auf bekannte Orte in Wettingen aus der Warte eines Mönchs.
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Benedikt Geygis war von 1808 bis 1818 Abt im Kloster Wettingen. In seiner «Geschichte des Gotteshauses Wettingen in der Revolution» schrieb er über die militärischen Besetzungen im Kloster Wettingen zur Zeit der Helvetik. Porträt in der Abtei Wettingen-Mehrerau. (Bild: Annina Sandmeier-Walt)
Über ruppige Soldaten
Wir beginnen im ehemaligen Abteisaal. Heute findet hier Unterricht für Gymnasiasten und Gymnasiastinnen statt, doch vor 220 Jahren war dies der Speisesaal der Mönche. Geygis schildert hier seine erste Begegnung mit Soldaten. Nachdem es Ende April 1798 zu mehreren Bauernaufständen in der ganzen Schweiz gekommen war, rief die Stadt Zürich französische Truppen zu Hilfe.
​Am 26. April kamen diese in Wettingen vorbei und drängten in den Abteisaal, während die Mönche zu Mittag assen. Sie forderten Wein und Schnaps, welchen sie, laut Geygis, «mitnahmen, auf dem Weg aus soffen und auf die Strassen und Felder hinwarfen, sodass man Morgens darauf von Mellingen bis Zürich aller Orte eine Menge solcher Geschirre noch ganz oder zerbrochen liegen fand».
Dies war die erste von vielen negativen Erfahrungen mit den Franzosen, von denen Geygis berichtete. Lange Zeit mussten die Mönche französische Soldaten auf eigene Kosten im Kloster beherbergen, und viele der Mönche waren gezwungen, aus dem Kloster auszutreten. Daneben wurden sie genötigt, eine «Contribution» von 100 000 Franken zu zahlen.
Generäle im Lehrerzimmer
Ein Jahr später rückte die österreichische Armee von der Ostschweiz her gegen die Franzosen vor. Die französischen Generäle versammelten sich zum Kriegsrat im Vorzimmer des Abts, wo sich heute die Schulleitung der Kantonsschule Wettingen für Sitzungen trifft.
​Als konservativer Katholik zeichnet Geygis die revolutionären Franzosen äusserst negativ. So beschreibt er den französischen Kommandanten Rapinot als einen frechen, ungehobelten Ausbeuter und sagt von ihm, er «betrug sich und handelte in allen Stüken nach seinem Namen Rapinot oder Räuber». Dagegen wird der erzkatholische Erzherzog Karl von Österreich, der später das Kloster besetzen würde, als «sehr mild, liebreich und freundlich» beschrieben, der ihnen «immer frohe und gute Tage» ermöglicht habe.
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Ausschnitt aus einer Karte, die Stellungen der Russen (blau) und der Franzosen (rot) im Limmattal zeigt, 1799, oben links das Kloster Wettingen. Aus: Fridolin Becker: Croquis der Zweiten Schlacht bei Zürich 1799. Beilage zu Wilhelm Meyer: Die Schlacht bei Zürich am 25. und 26. September 1799. F. Schultheß, Zürich 1886. (Wikipedia)
Brennende Brücken und kein Ende in Sicht
Kurz nach ihrem Kriegsrat verliessen die Franzosen das Kloster und überquerten die Limmat in Richtung Süden. Heute gibt es in Wettingen eine ganze Reihe von Brücken, doch zur Zeit Geygis’ gab es nur eine: die heutige Holzbrücke beim Kloster. Diese zündeten die Franzosen bei ihrem Rückzug mitten in der Nacht an, sodass sie bis in die frühen Morgenstunden brannte.
Im Zuge der weiteren Revolutionskriege bis 1815 war die Schweiz immer wieder Schauplatz von Schlachten zwischen den Grossmächten und Wettingen blieb dabei ein wichtiger Durchgangsposten. Wechselweise wurden hier österreichische, russische und wieder französische Truppen einquartiert. 
Wer heute durch Wettingen bummelt, dem scheint Krieg weit entfernt und unvorstellbar. Doch wie der Gang durch Wettingen mit dem Mönch Benedikt Geygis gezeigt hat, wurde selbst in dieser friedlichen Kleinstadt kriegerische Geschichte geschrieben.

Weiterlesen: 
Geygis, Benedikt: Geschichte des Gotteshauses Wettingen in der Revolution, in: Cistercienser Chronik 5 (1893), S. 1–13, 33–46, 65–76.
Geygis, Benedikt, in: Biographia Cisterciensis (Cistercian Biography), Version vom 18.12.2018.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Der Autor Jaro Kerschbaum studiert Geschichte in Zürich.

Dieser Beitrag wurde in der Cistercienser Chronik 132 (2025/3.1), S. 766–768, publiziert.

Das Limmattal gehörte dem Kloster Wettingen

19/9/2025

 
Heute kaum vorstellbar, in der Frühen Neuzeit aber selbstverständlich: Klöster besassen grosse Herrschaftsgebiete. Äbte wie Ulrich Meyer aus dem Kloster Wettingen traten als Eigentümer und Richter auf. Ihren Besitz liessen sie kartografieren.
von Valerija Vlasic
Ungefähres Herrschaftsgebiet des Klosters Wettingen im Limmattal anhand der kartografischen Quelle «Geometrischer Grund-Riss aller Marken der Gerichts-Herrlikeit dess Gottshauses Wettingen […]». Visualisierung erstellt von Valerija Vlasic mittels ArcGIS. 
​Armut, Arbeit, Abgewandtheit – diese Ideale bestimmten das Selbstverständnis des Zisterzienserordens. Dennoch entwickelten sich viele Klöster in der Frühen Neuzeit zu bedeutenden wirtschaftlichen und territorialen Institutionen. Was zunächst widersprüchlich oder überraschend wirkt, folgt einer Logik: Die gezielte Akkumulation von Macht, Grundbesitz und Einnahmen diente der Absicherung des geistlichen Lebens. So verfügte auch das Kloster Wettingen über ausgedehnte Besitzungen, Herrschaftsrechte und Einkünfte im Limmattal - dies zeigt auch eine Karte aus dem 17. Jahrhundert.
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«Geometrischer Grund-Riss aller Marken der Gerichts-Herrlikeit dess Gottshauses Wettingen: auss bewehrten Documentis dess Archivs aussgezogen An. 1657 und von H. Abbt Udalrico II. in dise Form eingericht An. 1693». Bild: gallica.bnf.fr.
Fromme Logik der Besitzmehrung
Die Zisterzienser beriefen sich ursprünglich auf die Benediktsregel und strebten nach Armut, Einfachheit und Weltabgewandtheit. Im 11. und 12. Jahrhundert galt der Verzicht auf Reichtum als zentrales Ideal. Doch im Laufe der Zeit veränderte sich die Praxis.
Ursprüngliche Bestimmungen wie das Verbot von Schenkungen, Eigentum und regelmässigen Einkünften wurden umgedeutet. Mönche sollten nicht mehr in völliger Armut leben, sondern lediglich auf persönlichen Besitz verzichten. Für ihre Grundversorgung sollte die Klostergemeinschaft aufkommen.
Diese veränderte Auslegung ebnete den Weg zur Besitzkonsolidierung: Auch Zisterzienserklöster begannen, gezielt Land und Rechte zu sammeln. Sie nutzten ihre Güter, um wirtschaftliche Grundlagen zu sichern und regelmässige Einkünfte zu erwirtschaften. Wichtige Einnahmequelle waren die Abgaben der abhängigen Dörfer in Form von Naturalien oder Geld.
Wettinger Äbte regieren im Limmattal
Mit zunehmendem Besitz wuchs auch der Einfluss der Klöster. Sie entwickelten sich zu wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Zentren ihrer Region. Dieser Aufstieg brachte den Klöstern Ansehen und Macht, führte aber auch zu neuen Spannungen mit benachbarten weltlichen und geistlichen Herrschaften.
Auch das Zisterzienserkloster Wettingen baute sich im Laufe der Zeit ein eigenes Herrschaftsgebiet auf. Zunächst besass das Kloster verstreuten Grundbesitz in Zürich, Uri und Zug. Noch heute erinnern die Wettingerhäuser am Limmatquai in der Stadt Zürich an diesen Besitz. Mit der Zeit konzentrierten sich die Äbte jedoch darauf, in der näheren Umgebung, vor allem im Limmattal, ein geschlossenes Territorium zu schaffen. Durch Kauf, Schenkung oder Tausch erwarb das Kloster Wettingen systematisch Land und schloss bestehende Lücken.
Ein Grenzstein von Wettingen wie er auch in der Kartenquelle beschrieben wird. Sie markieren die Grenzen eines Herrschaftsgebietes. Bild: Wikimedia Commons, Grenzstein Wettingen-Würenlos.
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​Der Kleinstaat Wettingen
Neben kirchlichen Rechten, etwa der Mitbestimmung bei der Ernennung von Pfarrern, den Kollaturrechten, verfügte das Kloster auch über weltliche Herrschaftsrechte. Die sogenannte «Gerichtsherrlichkeit» bezeichnete jene Gebiete, in denen der Abt als Gerichtsherr auftrat und Recht sprach. Damit übernahm der Abt nicht nur geistliche Aufgaben, sondern auch Verwaltungs- und Repräsentationspflichten. Um diese umfangreichen Aufgaben zu bewältigen, baute das Kloster einen eigenen Beamtenapparat auf.
Wettingen übte die niedere Gerichtsbarkeit aus, die juristische Fragen rund um Besitz, Verträge und kleinere Delikte umfasste – vergleichbar mit dem heutigen Zivilrecht. Die hohe Gerichtsbarkeit oder Blutgerichtsbarkeit blieb hingegen übergeordneten Instanzen vorbehalten, den Schirmherren wie dem Landvogt oder der Eidgenossenschaft. Sie urteilten über schwere Verbrechen wie Mord oder Raub.
So entstand im Limmattal ein Kleinstaat, der dem Kloster Wettingen unterstand. Die dort lebenden Menschen waren dem Kloster zu Treue, Diensten und Abgaben verpflichtet.
​Über die genaue Zahl der Untertanen gibt es zwar keine verlässlichen Angaben. Doch in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht konnte das Kloster Wettingen durchaus mit dem Adel der Region mithalten – und übertraf ihn in manchen Bereichen sogar.
​Kartografie als Machtinstrument
Eine anschauliche Darstellung des klösterlichen Herrschaftsgebiets im Limmattal bietet eine Karte aus dem späten 17. Jahrhundert. Auf ihr sind auch 57 Grenzsteine vermerkt, die das Territorium wie eine Wegmarkierung umschreiben. Im erklärenden Text auf der Karte heisst es: «Von dar bis an die Brugg zu Baden gehört die ganze Limmat sambt ihren Auwen Wettingen zu/ laut Kauffbrieffs von anno 1259.» Entstanden ist sie 1693 in der Zeit von Abt Ulrich Meyer (Abt 1686–1694).
Angefertigt wurde sie in der klostereigenen Druckerei unter der Leitung des berühmten Schweizer Kartografen Hans Konrad Gyger (1599–1674) und unter Mitwirkung Wettinger Mönche. Solche Karten entstanden häufig im Zusammenhang mit Grenzstreitigkeiten. Vermutlich auch hier, da das Kloster Wettingen wiederholt mit der benachbarten Grafschaft Baden und dem Kloster Einsiedeln um Schifffahrts- und Fährrechte stritt.
Eine der Reproduktionen dieser Karte hing im Kloster Wettingen gar an der Wand. Dies zeigt, dass Karten nicht nur praktische Verwaltungsinstrumente waren, sondern auch der Repräsentation und Selbstdarstellung der Äbte dienten. Die Karte belegt damit eindrücklich die regionale Bedeutung und das Selbstbewusstsein des Klosters Wettingen in dieser Zeit.
Mit dem Einmarsch französischer Truppen und der Ausrufung der Helvetischen Republik im Jahr 1798 endete die weltliche Herrschaft des Klosters, die kirchlichen Rechte blieben jedoch erhalten.
​Weiterlesen:
Anton, Kottmann; Markus, Hämmerle: Die Zisterzienserabtei Wettingen. Geschichte des Klosters Wettingen und der Abtei Wettingen-Mehrerau. Baden 1996.
 
Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Die Autorin Valerija Vlasic studiert Geschichte in Zürich. Ihre Schwerpunkte sind die Geschichte der Frühen Neuzeit, die osteuropäische Geschichte, die Kulturgeschichte sowie Digital History.

​Dieser Beitrag wurde in der Cistercienser Chronik 132 (2025/3.1), S. 770–773, publiziert.

«Cibus et potus» – Essen und Trinken im Kloster

29/8/2025

 
Die Benediktsregel umfasst zahlreiche Kapitel zum Zusammenleben der Mönchsgemeinschaft. Dazu gehören auch Abschnitte zu den Speisen. Ein Küchenbesuch bei Abt Ulrich Meyer.
von Julian Bretschger
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Im Sommer- (grün) und Winterrefektorium (rot) nahmen die Mönche von Wettingen ihre Mahlzeiten zu sich. Bild: Kloster Wettingen, Johann Franz Strickler, um 1720. Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung. (Ausschnitt)
Im Jahr 1687 liess der damalige Abt des Klosters Ulrich Meyer (Abt von Wettingen 1686–1694) eine Abschrift einer Regel zu Pergament bringen. Es war eine Benediktsregel – also das zentrale Regelwerk für das Zusammenleben der Mönche, dem sich auch die Zisterzienser in Wettingen verschrieben hatten. Die Benediktsregel enthält neben ganz vielen anderen Vorschriften auch Regeln zum Essen und Trinken der Mönche.
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Abt Ulrich Meyer (Abt des Klosters Wettingen 1686–1694) stammte aus Mellingen. Bild: Mellingen, Fotoarchiv Mellingen, Porträt von Ulrich Meyer (1647–1694).
In der Klosterküche
Beginnen wir ein kleines Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie seien im Kloster Wettingen des 17. Jahrhunderts für die Verpflegung zuständig. Neben der Benediktsregel gibt es natürlich noch andere Verhaltensregeln – wir orientieren uns heute aber an der «Regula Benedicti», wie die Regel auf Latein heisst. Ausserdem sind wir uns bewusst, dass die Zisterzienser im 17. Jahrhundert die Benediktsregel teilweise nicht ganz strikt befolgten. Wir reisen nun in die Küche des Klosters Wettingen im Jahr 1690 und sollen die wichtigsten Regeln zum Essen und Trinken der Mönche kennenlernen, um diese für einige Zeit zu verpflegen.
An einem sonnigen Tag stehen wir vor dem Kloster. Wir sind mit Abt Ulrich Meyer verabredet und melden uns beim Pförtner. Dieser führt uns in das kühle Klosterinnere, wo wir uns setzen. Nach einer kurzen Wartezeit begrüsst uns der Abt und führt uns durch die Gänge des Klosters zur Küche. Unter dem Arm trägt er seine persönliche Benediktsregel, in der auf Pergament alle wichtigen Vorschriften für das Alltagsleben der Mönche festgehalten sind. In der Küche angekommen, öffnet der Abt sein Buch und blättert bis zu einer Seite, auf der bei Nummer 39 die Überschrift «De mensura ciborum» in schwarzer Schrift zu erkennen ist. Dies bedeutet «Über das Mass der Speisen».

​Ein Pfund Brot pro Tag
Nun beginnt der Abt zu erklären. Aus Rücksicht auf die Schwäche der Brüder seien für die tägliche Hauptmahlzeit für jeden Tisch zwei gekochte Speisen genug. Wer von einer dieser Speisen nicht essen könne, solle sich mit der anderen sättigen. Zu diesen zwei gekochten Speisen könne frisches Gemüse oder Obst hinzugefügt werden.
Und der Abt fährt fort: «Ein gut gewogenes Pfund Brot soll pro Tag genügen, ob es nun nur eine Mahlzeit wie an Fasttagen oder ein Mittag- und ein Abendessen gibt. Wenn die Brüder auch ein Abendessen einnehmen, soll der Cellerar ein Drittel von diesem Pfund aufbewahren, um es ihnen am Abend zu geben.» Der Cellerar kümmerte sich um die wirtschaftlichen Belange des Klosters.
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Zwei Regeln für das Essen der Mönche: Verbot vierfüssiger Tiere und Beschränkung auf ein Pfund Brot pro Tag. Grafik: Julian Bretschger.
Keine vierfüssigen Tiere – und keine Unmässigkeit
Abt Ulrich kommt anschliessend auf eine Regel zu sprechen, die ihn als Abt selbst betrifft: Sei die Arbeit anstrengender gewesen, so könne der Abt entscheiden, ob er etwas mehr geben wolle, falls es nützlich sei. Darauf liest er noch die Regel zum Fleischkonsum vor: «Auf den Verzehr von Fleisch vierfüssiger Tiere aber sollen alle gänzlich verzichten, ausgenommen die ganz schwachen Kranken.»
Schliesslich kommt Abt Ulrich auf die Unmässigkeit zu sprechen: «Doch gilt es vor allem, Unmässigkeit hintanzuhalten, und nie darf sich beim Mönch Übersättigung einstellen, weil sich für einen Christen nichts weniger ziemt als Unmässigkeit.» Diese Mässigung liege denn auch der nächsten Regel zugrunde, sagt er weiter: Knaben in jüngerem Alter sollten weniger als Erwachsene erhalten, wobei man überall auf Mässigung achten solle.

Eine Hemina Wein pro Tag
Abt Ulrich blättert eine Seite weiter in seiner Benediktsregel bis zum Kapitel 40 «De mensura potus», «Über das Mass des Trinkens». Er erklärt zunächst, die Benediktsregel sei ziemlich zurückhaltend bei der Bestimmung der exakten Mengen. Allerdings schreibe sie in Anbetracht der Unzulänglichkeit der Schwachen vor, dass für einen jeden eine Hemina Wein pro Tag genug sei. Eine Hemina? Dabei handelt es sich um etwa 0.27 Liter. Der Abt holt ein entsprechend grosses Gefäss hervor und drückt es uns in die Hand.
Es stehe aber weiter in der Regel, betont er, wer dank Gott imstande sei, Enthaltsamkeit zu ertragen, der solle wissen, dass er besonders entlöhnt werde. Ob mehr erforderlich sei, etwa wegen schlechter Ortsverhältnisse, Arbeit oder Hitze im Sommer, entscheide jeweils der Obere (wohl generell Mönche mit höheren Ämtern). Dieser achte aber bei allen darauf, dass keine Übersättigung oder Trunkenheit auftrete. Die Mönche sollten nicht zu viel trinken. Sie sollten aber auch das Murren unterlassen, sollte einmal weniger als eine Hemina Wein aufzutreiben sein, sagt Abt Ulrich zum Schluss betont.
​Einblick in das Kapitel 40 der Benediktsregel mit dem Titel «Über das Mass des Trinkens» von Abt Ulrich Meyer. Bild: AKB, MsWettQ 1, Julian Bretschger.
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​Meyer klappt sein Buch zu und fragt: «Haben Sie alles verstanden?» «Ja», sagen wir. Er nickt und fordert uns dazu auf, mit den Vorbereitungen für die Verpflegung zu beginnen. «Die Brüder arbeiten momentan hart im Garten.» Nach der Mittagshore müsse das Essen bereit sein.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums «Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Der Autor, Julian Bretschger, studiert im Bachelor Geschichte und Soziologie. Schwerpunkte seines Studiums liegen in den Bereichen Geschlechter- und Schweizer Geschichte sowie Geschichte der Antike.

Ein Wettinger Abt in Paris

12/6/2025

 
In Aarau lagert ein Notizbuch mit Einträgen aus der Pariser Studienzeit des Wettinger Abtes Peter Schmid. Wer das Büchlein liest, sieht die frühen Eindrücke, Ambitionen und Fähigkeiten des späteren Klostervorstehers. 
von Nicolas Hänsli
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Das Abtwappen Peter Schmids ist im Kloster Wettingen heute allgegenwärtig, hier über einer Tür in der heutigen Mediothek. Bild: Ruth Wiederkehr.
​Als am 8. Mai 2025 über der sixtinischen Kapelle in Rom weisser Rauch aufstieg, brandete Jubel durch die versammelte Menge auf dem Petersplatz: «Habemus Papam» –«wir haben einen Papst». Ein neuer Papst war gewählt! Millionen Menschen weltweit fragten sich: Was ist von Kardinal Robert F. Prevost zu halten, der sich gerade den Papstnamen Leo XIV. gegeben hatte?
 
Was haben Papst und Abt gemein?
Hektisch wurden die Hintergründe seiner Biografie recherchiert: Einem Vorort von Chicago entstammend, studierte Prevost zunächst Mathematik und Philosophie, bevor er dem Augustinerorden beitrat und nach verschiedenen kirchlichen Ämtern in Peru und Rom 2023 von seinem Vorgänger Franziskus zum Kardinal ernannt worden war.
Doch was hat dies alles mit dem Wettinger Abt Peter Schmid zu tun? Papst und Abt stehen auf ganz unterschiedlichen Stufen der kirchlichen Hierarchie, doch wirken sie beide als Repräsentanten: Der Papst führt die gesamte katholische Kirche als Institution, der Abt steht seinem Kloster und der dortigen Mönchsgemeinschaft, dem Konvent, vor. Und beide, Papst Leo und Abt Peter Schmid, haben vor ihrem Amtsantritt ein interessantes Leben geführt. Dank eines in der Kantonsbibliothek Aarau lagernden Büchleins mit der Signatur MsWett 130 ist es möglich, diese Vorgeschichte des späteren Abtes zu untersuchen. Es ist ein Notizbuch mit Einträgen aus Peter Schmids Studienzeit in Paris zwischen 1579 und 1588. 
 
Aus dem Zugerland nach Wettingen
Schmid entstammte einer bedeutenden Baarer Familie. Seine Verwandtschaft war angesehen. Es finden sich darin Landammänner, Gesandte, Vögte und Hauptleute, meist in den Diensten des Standes Zug. Andere Verwandte sollten hingegen eine kirchliche Laufbahn einschlagen, so auch der junge Peter Schmid. Doch mit der Zürcher Reformation war das nahegelegene Zisterzienserkloster Kappel am Albis, eine traditionelle Destination für angehende Zuger Kirchenmänner, aufgelöst worden. So wurde Peter nach Wettingen geschickt.
Der spätere Abt begann als Klosterschüler. Mithilfe der Kontakte seines Vaters konnte Schmid darauf in Paris studieren, unter anderem an der renommierten Sorbonne. Während der acht Jahre seines Studiums führte er ein Büchlein mit sich, in das er seine Notizen eintrug. 
 
Ein wenig Paris in Aarau
Als nach der Auflösung des Klosters Wettingen 1841 dessen Bibliothek in die Aargauer Kantonsbibliothek verfrachtet wurde, fand auch Schmids Notizbuch seinen Weg nach Aarau. Das handliche, ledergebundene Büchlein umfasst fast hundert Seiten, meist in lateinischer Sprache. Nur ein Teil der Texte hat Schmid selbst geschrieben. Im Nachhinein füllten andere Mönche leergelassene Seiten mit ihren Notizen aus.
Doch was notierte sich Schmid über sein Leben in der damals einwohnerreichsten Stadt Westeuropas? Finden sich Hinweise auf seine Eindrücke, auf mögliche Ambitionen oder bereits sichtbare Fähigkeiten?
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Kreuzskizze im Notizbuch, das der Abt während seiner Studienzeit in Paris führte. Bild: AKB, MsWett 130, fol. 91v, Nicolas Hänsli.
Akribische Notizen im Büchlein
Wer auf Details aus Schmids Privatleben hofft, wird enttäuscht. Das Schriftstück ist mehr Notiz- als Tagebuch. Dennoch wird beim Durchblättern des Büchleins deutlich, mit welchem Eifer und welcher Systematik Schmid seine Eindrücke aufzeichnete. Gleich seitenweise stellte er Sammlungen an Zitaten, Gebeten und Versen zusammen. Anregungen für diese Sammlungen erhielt er zu verschiedenen Gelegenheiten: Im Unterricht an der Sorbonne, bei Streifzügen durch die Stadt, vielleicht auch im persönlichen Gespräch mit anderen Studenten.
Auch die Architektur hatte es ihm angetan: Inschriften wie Ausmasse mehrerer Kirchen und gar der Text eines Grabsteins finden sich im Notizbuch. Ein bestimmtes Kreuz in Paris hatte ihn wohl so beeindruckt, dass er im Büchlein davon eine Skizze anfertigte. Ebenso gewissenhaft legte sich der junge Schmid Rechenschaft über seine Finanzen ab. Ab Studienantritt 1579 notierte er seine Ausgaben – zunächst noch auf Deutsch, ab 1585 jedoch stets auf Lateinisch. ​
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In der Sommerabtei ist ein hölzernes Abtswappen Peter Schmids zu sehen, das auf das Jahr 1607 datiert wird. Bild: Nicolas Hänsli.

​Ein neuer Kurs im Kloster
​
Als Abt stieg Peter Schmid schliesslich zu den bedeutendsten Klostervorstehern der gesamten Wettinger Klostergeschichte auf. Fast vierzig Jahre lang regierte er machtbewusst und gestaltungsfreudig. Nachdem sein kunstsinniger, aber glückloser Vorgänger Christoph Silberysen (1542–1608) das Kloster und dessen Finanzen in desolatem Zustand hinterlassen hatte, übernahm Schmid eine angeschlagene Institution.
Mit der ihm eigenen Bestimmtheit führte Abt Peter das Kloster wieder auf Kurs: Schmid festigte die Mönchsgemeinschaft im Innern und stärkte die politische wie rechtliche Stellung des Klosters nach aussen. Er stabilisierte die angespannte Finanzlage, setzte unter den Mönchen wieder strenge Ordensdisziplin durch und veränderte durch seine zahlreichen Bauprojekte das Antlitz des Klosters nachhaltig. Schmids Abtswappen – jeweils klar erkennbar am Hammer – ziert bis heute manche Räume und Gebäude des Klosters Wettingen. 
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1606/1607 von Gian Antonio und Pietro Castelli geschaffene Stukkfigur von Abt Peter Schmid im südlichen Querhaus der Klosterkirche Wettingen. Abt Peter wird hier mit einem Modell des Klosters als zweiter Gründer dargestellt. Bild: Franziska Schmid-Schärer, KDAG.
​
​Die frühen Ambitionen des späteren Abtes

Im Rückblick scheinen die grossen Linien seiner Amtszeit im jungen Schmid bereits angelegt gewesen zu sein. Diesen Eindruck festigt sich bei der Untersuchung von Schmids Einträgen im Notizbuch: Seine systematisch erstellten Sammlungen an Versen, Zitaten und Gebeten zeigen Schmids Ambitionen.
Sein Interesse an Architektur weist auf die spätere Baufreudigkeit des Abtes hin. Seine gewissenhafte Buchführung zeigt seine administrativen Fähigkeiten. Wer das Notizbuch liest, sieht, welche Eindrücke, Interessen, Ambitionen und Fähigkeiten jener junge Mann aus Paris zurück nach Wettingen brachte, der das Kloster wie kaum ein zweiter prägen sollte.

​Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums ​«Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln​» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Der Autor, Nicolas Hänsli, studiert im Master Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Zürich, wobei er auch Austauschsemester an den Universitäten Genf und Nottingham (UK) absolviert hat. Schwerpunkte seines Studiums sind die Wirtschafts- und die Schweizer Geschichte.

Der Beitrag wurde in der Cistercienser Chronik 132 (2025/2), 493–497, publiziert.

Heiliger Georg aus Wettingen? Die Inszenierung und das Vergessen des Augustin Keller

23/5/2025

 
Augustin Keller war erst Klostergegner. Und dann Direktor des Lehrerseminars im ehemaligen Kloster Wettingen. Nach seinem Tod wollte sein Sohn ihn als Held positionieren. Eine neu wiederentdeckte Glasscheibe erzählt, wie Keller verehrt, politisch aufgeladen und schliesslich vergessen wurde.
von Noemi Heusler
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«Augustin Keller! Wer im Schweizerland kennt nicht seinen Namen, den die Einen mit hoher Verehrung nennen, während er den Anderen zur Stunde noch eine Erinnerung ist an böse vergangene Zeiten!»
So lautete die Einleitung des Artikels zum Ruhestand von Augustin Keller in den Aargauer Nachrichten am 5. Dezember 1881. Er liest sich wie ein Nachruf. 
Augustin Keller blieb nach seinem Tod 1883 eine polarisierende Figur. Während ihn radikal-liberale Kreise als Vorkämpfer gegen die Jesuiten ehrten, wurde er von katholisch-konservativer Seite als fanatischer Klostergegner verurteilt. Schliesslich war er 1841 massgeblich an der Aargauer Klosteraufhebung, die auch das Kloster Wettingen traf, beteiligt. Die Erinnerung an Augustin Keller Anfang des 20. Jahrhunderts schwankte zwischen Verherrlichung und scharfer Kritik.
​
Augustin bezwingt das Böse
Der Kampf um das Andenken Augustin Kellers wurde auf vielen Ebenen ausgetragen – in öffentlichen Reden, in der Presse, durch Denkmäler und in biografischen Schriften. Auch im Privaten gab es Versuche, Kellers Vermächtnis lebendig zu halten. So etwa in Form eines Erinnerungsprojekts, das sein Sohn Arnold Keller initiierte: Eine Glasscheibe sollte den Vater ehren.
Die Scheibe wurde 1907 entworfen und 1910 vom Zürcher Glasmeister Jakob Georg Röttinger ausgeführt. Arnold Keller lobte den Künstler und hob die positive Resonanz auf die Scheibe hervor. 
​Im Zentrum zeigt das Bild Augustin Keller als heiligen Georg, der mit Lanze einen Drachen durchbohrt. Der Drache war ein gängiges Symbol für das Böse und die Jesuiten. Augustin Keller mochte diese Symbolik. Er verwendete sie gern in öffentlichen Reden, aber auch privaten Briefen. Auch Sohn Arnold Keller gefiel das Motiv. Er schrieb dazu: «Die Wahrheit besiegt die Lüge.»
Keller ist als radikal-liberaler, quasi-heiliger Held dargestellt. Die stark religiöse Symbolik wäre nur durch den in einer ersten Version noch vorhandenen Heiligenschein noch deutlicher geworden. Rechts neben Keller ist das Kloster Wettingen zu sehen, wo er von 1847 bis 1856 als Direktor des kantonalen Lehrerseminars tätig war und mit seiner Familie in den Räumen der Abtei lebte. Umgeben ist Keller von Wappen, die für die bedeutenden Positionen in Aarau, Aargau und der schweizerischen Eidgenossenschaft stehen und dem Familienwappen. Der Sonderbundskrieg ist in der oberen linken und rechten Ecke der Glasscheibe dargestellt.
Der Vater, der Held, der Heilige
Arnold Keller wollten seinen Vater mit der Scheibe als Familienoberhaupt ehren. Wettingen, der Wohnort der Familie, steht im Zentrum der Scheibe. Gleichzeitig ist Keller deutlich auch als politischer Held zu erkennen. Die Anspielungen auf politische Ämter, den Sonderbundskrieg und den Kampf gegen reaktionäre Kräfte dürften Kellers Rolle als Held der Radikal-Liberalen verdeutlicht haben. Die religiöse Bedeutungsebene ist überraschend. Durch Kellers Darstellung als heiliger Georg wird der Katholik Augustin Keller auch als religiöser Held abgebildet.
Die meisten Darstellungen auf der Glasscheibe stammen aus bereits existierenden Vorlagen. Die Szenen des Sonderbundskriegs sind adaptierte Holzschnitte von Jakob Ziegler, die den Sieg der liberalen Eidgenossen über den Sonderbund verherrlichen. Arnold Keller übernahm sie aus einem patriotischen Bildband von 1847.

Diese Übernahmen mögen praktischen oder ästhetischen Gründen geschuldet sein. Im Fall der Holzschnitte von Ziegler kann man sie als bewusste Anleihen verstehen, als Zitate aus einem kollektiven Bildgedächtnis, das Kellers Unterstützer wiedererkennen konnten. In dieser Wiedererkennbarkeit liegt die Kraft der Helden: Augustin Keller erscheint nicht als realistische Figur, sondern als idealisiertes Sinnbild, als religiöser Kämpfer, politischer Held, familiäres Vorbild. Die heldenhafte Darstellung überlagert die historische Persönlichkeit.
Eine Held ohne Anerkennung
Trotz der Inszenierung als Held ist Augustin Keller vielerorts in Vergessenheit geraten. Selbst in Wettingen, wo er lebte, und das Lehrerseminar aufbaute, erinnert heute im öffentlichen Raum nichts mehr an ihn.
Was bleibt, ist die Scheibe, die heute in der Sammlung von Museum Aargau aufbewahrt wird. Arnold Keller war es wichtig, das Andenken seines Vaters beständig zu gestalten und es öffentlich zu verbreiten. Die Wahl des Trägermaterials unterstreicht seinen Anspruch auf Dauer, wie er in seiner Dokumentation über die Erstellung der Glasscheibe festhält: «Warum eine Glasscheibe? […] Es (Glasgemälde) funkelt auch nach ungezählten Jahrhunderten noch in der statten Glut seiner Entstehungszeit […].» Er bestand auch auf eine Ausstellung der Scheibe: «Die Augustin Kellerscheibe soll nach dem Tode meiner beiden Kinder dem histor. Museum des Kantons Aargau in Aarau unter der Bedingung geschenkt werden, dass sie bleibend an passender Stelle dort ausgestellt wird. […].»
​
Nach 1960 erstmals wieder aufgetaucht
Im Jahr 1960 wurde die Scheibe in der Kantonsbibliothek Aargau ausgestellt. Seither galt sie bei Forschenden als verschollen. Die Recherchen für diesen Beitrag zeigen, dass sie nach der Ausstellung 1960 in der Kantonsbibliothek Aargau lagerte, bis sie 1992 schliesslich dem Museum Aargau zurückgegeben wurde und im Sammlungszentrum des Museums endete. Die von Arnold Keller initiierte heldenhafte Darstellung seines Vaters hat also die Zeit überdauert. Doch anstatt an einem Fenster zu funkeln, wie es für die Darstellung eines Helden angemessen wäre, liegt sie unbemerkt in einem dunklen Lager. Ein Held entsteht im Licht der Öffentlichkeit. Die lange verschollene Glasscheibe von Augustin Keller ist ein Symbol für die Erinnerung an ihn, die auch in Wettingen weitestgehend verblasst ist.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kolloquiums ​«Geschichte in der Praxis: kommunizieren und vermitteln​» im Frühjahrssemester 2025 am Historischen Seminar der Universität Zürich. Autorin Noemi Heusler studiert im zweiten Semester Wirtschaftsgeschichte im Masterstudiengang. Sie hat bereits einen Master in Business Innovation der Universität St. Gallen und arbeitet neben dem Studium als Projektleiterin bei einer Bank.

May 20th, 2025

20/5/2025

 
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Verein Freunde des Klosters Wettingen

Projektleitung

Dr. Ruth Wiederkehr
​

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5400 Baden
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